Der Herausgeber linker Manifeste und Träger roter Socken ist gestorben – der Verleger Klaus Wagenbach wird uns fehlen. Er stand für eine linke Haltung, verbunden mit sinnlicher Neugierde, eine in der deutschen Intellektuellenszene seltene Mischung. Auf drei programmatische Pfeiler berief er sich ausdrücklich: „Anarchie, Geschichtsbewusstsein, Hedonismus.“ Mit Dank für viele tolle, rote Wagenbach-Bände in meinen Regalen und ein langes Gespräch auf der Leipziger Buchmesse, in treuer Erinnerung:
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Fabrikdenken
Dienstag. Baerbock macht genau die Außenpolitik, vor der ich im Vorfeld der Bundestagswahl richtig Angst hatte. Und Habeck befeuert ihren Kurs, als könnte er kaum abwarten, den real existierenden Kalten Krieg in einen heißen Krieg zu verkehren. Ohne Rücksicht auf Verluste trampeln die beiden Neuminister durch diplomatisches Beziehungsgeflecht, treiben die Inszenierung einer vorgeblichen russischen Aggression auf die Spitze, faseln von Aufrüstung und Nuklearwaffen, als gehörte solcherlei Vokabular heutzutage in den Grundwortschatz von Vertreter*innen der einstmals als Pazifistenpartei angetretenen Grünen. Zur Erinnerung: 1999 brachten die Grünen unter Regierungsbeteiligung die ersten deutschen Kriegseinsätze seit dem Ende des Naziregimes auf den Weg: unvergessen
WeiterlesenSpät, später, gar nicht
Freitag. E., meine ital. Schwiegertochter, schickt mir Fotos von ihrem blauen Weihnachtbaum mit 1400 MiniLEDs und 230 Kugeln und Zapfen! Sieht aus wie der im Rockefeller Center, nur viel schöner. Ich bin da eher im Erzgebirge angesiedelt … Wachskerzen, wie jedes Jahr, oder Lichterkette?, das ist jetzt die Frage, die den Vorweihnachtsstress noch um einen Tick verschärft, als da wäre: Trouble im „Amt“, nach der Arbeit Einkaufslisten abarbeiten, einarmig das Zeug nach Hause schleppen, Geschenke auch irgendwie, immer wenn ich denke, ich bin fertig, fallen mir fünf, sechs Sachen ein, die ich erst später erledigen wollte, aber jetzt ist später
WeiterlesenKI – die letzte Erfindung
Optimierungszwang – der Chip im Kopf: https://www.zdf.de/dokumentation/dokumentation-sonstige/211106-ki-die-letzte-erfindung-100.html
WeiterlesenKing Biller
Mittwoch. Maxim Biller ist einer der Größten, und mit Der falsche Gruß (Kiepenheuer Witsch, 2021) wird er noch ein bisschen größer inmitten des deutschsprachigen Nichtssager-Einerleis.Die Handlung: Ein Schriftsteller mit DDR-Vergangenheit fasst im wiedervereinten Deutschland Fuß auf dem glatten Parkett der untereinander schwer konkurrierenden Intelligenzia. Mit Chuzpe navigiert er sich und sein brandaktuelles Werk durch das Gestrüpp aus Missgunst, Autorenneid, Männerneid und Skrupellosigkeit, das die Verfeindeten wider ihren Willen miteinander verbindet. Der falsche Gruß leuchtet bitterböse das Dunkel der bundesrepublikanischen Tabus aus, löst wenig, sagt aber viel. Vieles bleibt unverständlich, Biller wieder als Meister der Anspielung, der zahllosen, rasant sich jagenden
WeiterlesenLangweilig
Mittwoch. Das langweiligste Buch ever ist August von Peter Richter (Hanser, 2021). Woher die vielen positiven Kritiken kommen, keine Ahnung. Einzige Erklärung: keine(r) der Verfasser*innen ist über Seite 5 rausgekommen. Schlimmster Fehler ever: Langweilig über Langeweiler zu schreiben – und damit zum Inhalt: Zwei reiche Paare langweilen sich beim „sommern“ – der einzig originelle Einfall auf insgesamt 251 Seiten und alle Kritiker erwähnen ihn, ach ja, er kommt auf Seite 5 – in den Hamptons auf Long Island. Die kleine Gesellschaft wird aufgemischt von einem durchtriebenen Achtsamkeits-Guru und einem geilen Kindermädchen. Die Unterhaltungen drehen sich um fette Autos versus Globuli.
WeiterlesenKeine Fragen
Sonntag, Oberdürenbach. Mutterbesuche immer schwerer zu verkraften. Vor wenigen Jahren gab sie uns einen Korb: Ausgeschlagen alle drei Angebote, in unseren jeweiligen Wohnorten ver-/umsorgt zu werden. Ein Fehler. So viele Fehler. Kein Raum mehr für Fragen, nur noch Mitleiden. Abends zu Anne und Jacek (so gemütlich), später zurück in PMs Ersatzwohnung am Fuß der eisigen Eifel …
WeiterlesenConnecten
Donnerstag. Werde immer dünnhäutiger. Das „Amt“ frisst mich. So viele Blicke, so viele Erwartungen. Sie suchen Zuwendung und Interesse, was ich in dem Maß nicht geben kann, niemand kann das dreißig und nochmal dreißig und nochmal dreißig Mal am Tag. Stückwerk. Sie suchen ein Vorbild, ein gutes Beispiel, da werde ich wütend. Ich will kein Beispiel sein, will mir aussuchen, wem ich Vorbild bin, ich weiß um die Bedeutung und schrecke gleichzeitig zurück. Meine Schreibwerkstatt ist der Freiraum. Sie finden ihre Texte cringe, sie winden sich in ihren oversized Pullovern und ziehen die langen Ärmel weit über ihre Hände. Mit
WeiterlesenVerstrahlt
Dienstag. Morddrohungen auf Telegram Messenger gegen Politiker*innen, Fackelauflauf in Grimma vorm Wohnhaus der wunderbaren Petra Köpping, Missbrauch des Davidstern-Symbols, krude Theorien über magnetische Einstichstellen nach der Impfung, über Chips im Impfstoff und eine Verbrüderei von US-Techunternehmen, Pharmaindustrie und der Berliner Politikerriege zum Zweck der Menschheitsvernichtung – ich spitze die Ohren bei den Impfgegner*innen in meiner unmittelbaren Umgebung und schwanke zwischen Neugier und Grusel. Ein aufgeheiztes Kraut und Rüben von Aberglaube, rechtsradikalem Gedankengut, Uninformiertheit, Opfermentalität und Großmannssucht sorgt für schrille Töne in den Medien und auf den Straßen. Der neue Gesundheitsminister Karl Lauterbach, kein Bankkaufmann, sondern endlich mal ein Mann vom Fach, hat
WeiterlesenEntscheiden
Samstag in Eisenach. Trauriger Anlass, schönes Beisammensein, resümiert Tov und klopft, schon im Mantel, auf den Tisch. Es ist vollbracht, das Versenken der Urne in die Erde, das Festhalten des Alten, der Weg zurück – das war das Schlimmste an dem Tag.Frieders Predigt, von der jeder Satz, jedes Wort in die Wirklichkeit eines Zerrissenen, mit sich und der Welt Kämpfenden wohlwollend hineinleuchtet – Vater, Bruder, Freunde, Exfreundinnen verstehen jeweils auf ihre Weise, worum es geht, und füllen das Ungesagte mit ihrem Wissen. F. Kranich, Pfarrer aus Weimar, ist der Prediger lutherischen Abbildes, den jeder sich einmal an sein Grab wünscht,
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