Mittwoch. Es zieht uns hin, ein Gang durch Ahrweiler muss sein. Was ist mit den vertrauten Ecken, Kneipen, Menschen? Zuerst fällt der Lärm auf: Überall brummt und knattert es. Die Haus- und Ladeneingänge nur noch teilweise vernagelt, Trockenmaschinen ziehen mit unendlicher Geduld das Flutwasser aus den Gemäuern. Bei den alten Fachwerkhäusern, wo das Mauerwerk aus einer Stroh-Lehmmischung besteht, ist das ein langwieriges Geschäft. Bis zu einem halben Jahr kann es schon dauern, meint einer der Helfer, die nach wie vor unermüdlich im Einsatz sind. Der Staub weht durch die Straßen und legt sich aufs Gesicht und die Atemwege. Wenigstens stinkt
WeiterlesenKategorie: 2021
RIP Charlie
Mittwoch, Oberdürenbach. OMG! Nachts auf der Rückfahrt von einem superschönen Abend bei A. und K. in St. Augustin hören wir im Radio, dass Charlie Watts gestorben ist. Die Horrorvorstellung, dass mal einer von den Stones stirbt … jetzt ist sie wahr geworden.Der Sir der Steine, die nie Moos ansetzen, ist tot. Gott segne Charlie Watts …
WeiterlesenAlles weg
Dienstag, Oberdürenbach. Das provisorische Wohnen an zwei Standorten, von denen einer nur Übergang ist und der andere erst noch werden muss, kratzt am Fundament. PMs Heimatlosigkeit schließt mich mit ein. Die Verunsicherung reicht weit: Bremst mich aus bei der Akquise für mein neues Buchprojekt, bei der Kontaktaufnahme mit Verlagen und meinem Agenten. Was soll ich sagen? Woher die Überzeugungskraft nehmen? Wenn mir selbst die Power fehlt?Ein Abendspaziergang durchs Dorf. Wir laufen durch die Straßen, stellen Vermutungen an, wo hier eine Kneipe sein könnte. Eine Haustür geht auf und ein freundlicher Typ fragt, ob wir etwas suchen. Als wir es ihm
WeiterlesenUngesagt
Montag, Oberdürenbach. Wir vagabundieren so rum, ich muss aufpassen, dass mir die Zeit nicht durch die Finger rinnt. Im Moment sind wir in PMs Ersatzwohnung, die nun aber einfach seine Wohnung ist. Daran müssen wir, insbesondere er sich gewöhnen. Oberdürenbach liegt am A… der Welt. Wenn einer megagestresst ist und sich auf Null runterfahren und niemanden und nichts sehen will außer Wiesen, Felder, Wälder (und den Vulkanpark), dann wäre er in Oberdürenbach gut aufgehoben.Na ja, wir machen uns ein bisschen lustig, dabei sind wir gottfroh, dass es überhaupt eine Wohnung für ihn gibt – mit Wasser und Strom!Ich habe Verschiedenes
WeiterlesenImpressionen
Sonntag, Eisenach. Kommt man in ein Geschäft, setzen die Verkäufer*innen schnell ihre Masken auf – wenn man selbst eine trägt. Was die Besser-Wessi in mir die Stirn runzeln lässt, und gleichzeitig halte ich es für bemerkenswert. Ich glaube, die Leute im Osten lassen sich – egal, worum es geht – weniger bereitwillig Vorschriften machen als wir im Westen, wo beispielsweise vor jedem Geschäftseingang auf die Maskenpflicht und die maximal zugelassene Personenzahl hingewiesen und das in der Regel auch eingehalten wird, weil es den meisten, auch mir, vernünftig erscheint. Vielleicht gab es in der Vergangenheit zu vieles, was sie tun mussten
WeiterlesenParallelwelten
Freitag, Eisenach. Supernette Menschen, Kleinstadtklatsch, schöne Kneipen, klare Ansagen und Offenheit – das ist Eisenach. Keiner fragt, woher wir kommen, was wir beruflich machen und schon gar nicht, welches Auto wir fahren (wie in Ahrweiler, wo es sehr wichtig ist, was einer für ein Auto hat).PM ist dabei, die grüne Hölle rund um unser Häuschen zu bewältigen. R. und Ch. aus Gotha, bei denen wir gestern waren, haben uns verschiedene elektrische Schneidegeräte ausgeliehen. Allmählich kommt Licht in die Sache. Tini und A. bringen gleich zwei alte Stühle und einen Tisch vorbei. Dann können wir in der Sonne sitzen und es
WeiterlesenÜbergänge
Dienstag. Das mysteriöse Lächeln des afghanischen Präsidenten Aschraf Ghani … Er spricht von einer „friedlichen Übergabe“ der Regierungsmacht an die Taliban. Gestern hat er das Land verlassen und ist nach Tadschikistan geflohen, angeblich um Blutvergießen zu verhindern. Was noch abzuwarten bleibt. PM ist nach Ahrweiler und später nach Eisenach abgereist. Dass der eine nichts (mehr) hat und die andere alles (na ja, bis auf die Antiquitäten), verschiebt allmählich die Koordinaten im Beziehungsgefüge. Damit müssen wir erst noch umgehen lernen. Ich fürchte um meine knapp bemessene Urlaubszeit. Ist für mich doch immer – auch – Arbeitszeit. Das neue Buchprojekt rumort in
WeiterlesenNichts ist gut …
Sonntag. Wenn Berlins Sozialsenatorin Elke Breitenbach den Mord an der Afghanin Maryam H. durch die eigenen Brüder als Familienstreit abwiegelt und den religiös-kulturellen Hintergrund solcher – grundsätzlich im familiären Umfeld ausgeübten – Ehrenmorde leugnet, dann argumentiert hier eine Politikerin der Linken frauenfeindlich. Ahmad Mansour auf Twitter: „Es macht mich sprachlos, wütend, wie naiv, plan- und konzeptlos die Politikerin aus Berlin mit dem Thema umgeht. Diese Politik hilft keinem Migranten, keinem Flüchtling, sondern dient nur dem Zufriedenstellen der eigenen Ideologieanhänger. #Ehrenmord.“ Im Tagesrhythmus fällt eine afghanische Provinz nach der anderen an die Taliban zurück. Das afghanische Militär scheint – jahrelangem NATO-Coaching
WeiterlesenGeisterstädte
Samstag. Ahrweiler und Bad Neuenahr sind Geisterstädte. Die Schuttberge vor den Häusern sind beseitigt, die Straßen geräumt. Fast alle Häuser stehen leer. Wo einmal Türen und Fenster waren, gähnen schwarze Löcher. Menschenleer auch die Straßen, nur vereinzelt ein paar Leute, die den Putz von den durchnässten Wänden ihrer Häuser schlagen in der Hoffnung, sich den gewohnten Lebensraum zurückzuerobern. Der Staub auf ihren Kleidern hat dieselbe Farbe wie die Schlammrückstände auf Straßen und Vorgärten. Es gibt keine Geschäfte mehr. Keinen Bäcker, keine Kneipe, keinen Imbiss. Keine Weinhandlung! Wo welche waren, sind die Türen rausgerissen, die Eingänge zugenagelt. Schon fünf Kilometer vor
WeiterlesenTime Goes On
Donnerstag. Die Flutkatastrophe rückt von der ersten auf die zweite oder dritte Seite der Tageszeitungen. Was für die einen als tiefer biografischer Einschnitt, vielleicht sogar als lebenslanges Trauma bleiben wird, verblasst für die Nichtbetroffenen auf dem Hintergrund nachjagender Ereignisse. Die Öffentlichkeit hat sich ausgiebig damit beschäftigt, viel gespendet, nun soll das Leben bitte weitergehen. Über Laschets unpassendes Gelächter während einer Solidaritätsrede von Bundespräsident Steinmeier in einem der Flutkatastrophen-Gebiete und dessen nicht einschätzbare Auswirkung auf die Bundestagswahl im September lässt sich noch eine Weile spekulieren. Tagesaktuelle Ereignisse wie der furchtbare Mord am belarussischen Widerstandsaktivisten Witalij Schischow in seiner Exilheimat Kiew/Ukraine wühlen verständlicherweise
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