Donnerstag, Kiel. Als ich im Sommer 2023 nach Eisenach umzog, konnte ich mir meinen neuen Arbeitsplatz aussuchen, so viele freie Stellen gab es auf einmal. Schon seit langem träumte ich davon, aus dem idyllischen Tübingen wegzugehen und einen beruflichen Neuanfang zu wagen, der mir vor allem mehr Zeit zum Schreiben einräumen würde. Jeder, der mit dem Spagat zwischen Kunst und Brotberuf lebt, kennt das Problem: die Balance zu halten zwischen Geldverdienen und Selbstverwirklichung in einer Tätigkeit, die der Leidenschaft den ersten Platz einräumt. Die Ahrtalflut hatte unseren Plan, in Ahrweiler zusammenzuziehen, mit einem Schlag durchkreuzt. „Was hältst du von Eisenach?“
WeiterlesenKategorie: 2023
Zweite Heimat
Mittwoch, Kiel. Meine zweite Ferienwoche verbringe ich in Kiel – das erste Mal seit Jeromes Tod. Im Vorfeld große Befürchtungen, wie es ohne ihn sein wird … es ist anders. Es ist trotzdem total vertraut. Ich war so oft hier, oft richtig lange. Unsere Dreier-WG ist jetzt eine Zweier-WG: Beret und ich. Wir quatschen viel, ich arbeite oben in meinem Zimmer wie gehabt, nur ist es jetzt ein anderes Zimmer. Ich kenne mich in der Küche aus, in den Straßen, in den Läden, wo wir zusammen einkaufen. Gestern Abend: Fein essen im Längengrad. Schöner, gemütlicher Warmumsherzabend. Bei Lillet Wild Berry
WeiterlesenSüßis von Terroristen
Montag, Kiel. Hamas-Überfall auf Israel: 1200 Tote, grausamste Massaker und Entführungen von blindlings rausgegriffenen Passanten, Kibbuzbewohnern, Säuglingen, Alten …, mit denen die Hamas Israel nun zu erpressen versucht. „Seit dem Holocaust haben wir nicht mehr erlebt, wie jüdische Frauen und Kinder, Großeltern – sogar Holocaust-Überlebende – in Lastwagen gepfercht und in die Gefangenschaft gebracht wurden. Wir werden mit voller Kraft und unerschütterlichem Engagement handeln, um diese Bedrohung für unser Volk zu beseitigen.“ sagt der israelische Rechtsanwalt und Politiker / Staatspräsident Jitzchak Herzog Währenddessen feiern pro-palästinensische Horden auf den Straßen deutscher Hauptstädte den terroristischen Angriff als Sieg. Auf der Berliner Sonnenallee
WeiterlesenFerien in der Heimat
Donnerstag, Tübingen. Meine Schreibgruppe, für die ich (na ja, nicht nur für sie) ein Mal im Monat nach Tübingen komme, besteht aus enorm motivierten, für meine Tipps und Tricks höchst aufgeschlossenen, erstaunlich kooperativen Persönlichkeiten. Von Mal zu Mal werden sie besser. Mit Feuer machen sie ihre Hausaufgaben, sie sind heiß auf Textarbeit , sind nicht nur auf Lob aus, sondern fordern konstruktive Kritik ein. Heute Großeinsatz des mobilen PC-Helfers: vier Stunden sitzt er an meinen beiden neuen Laptops, einer für Tübingen, einer für Eisenach. Und mein schönes, sauer verdientes Geld fließt dahin. Ohne seine Unterstützung bin ich aufgeschmissen. Seine Kunden:
WeiterlesenFamilie ist schön
Dienstag, Tübingen. Eis essen im San Marco mit T. und E. und Baby Z. Leider kommunizieren T. und E. ausschließlich auf Englisch, Baby Z. wächst dreisprachig auf. In welcher Sprache wird es einmal beheimatet sein? T. und E. sind die besten Eltern der Welt. Geduldig, lustig, gewissenhaft. Deshalb ist Z. so ein ausgeglichenes und peacefulles kleines Wesen. Sie sieht mich lange und nachdenklich an. Sie hat mich über einen Monat nicht gesehen, und trotzdem erinnert sie sich an mich und lächelt milde.
WeiterlesenPeinvoll
… Am nächsten Tag, Mittwoch, kein Unterricht. Dafür Einsatz beim Schul-Sporttag. Bin ich im falschen Film, oder wie? Meine Haupttätigkeit besteht im Einfangen von zwei immer wieder abhauenden Mädchen, die, in Kopftücher und bodenlange Gewänder gehüllt, keinerlei Interesse an Weitsprung und Kugelstoßen haben. Nach einigem guten Zureden bringen sie es hinter sich: Die eine springt 90, die andere 85 cm weit. Die Kugel – ich glaube, sie haben im ganzen Leben noch nie eine in der Hand gehalten – werfen sie sagenhafte 40 cm von sich. Ungerührt messen, verkünden, notieren die Helfer ihre kümmerlichen Werte. Absurdistan hoch zehn. Die Mädchen halten
WeiterlesenMatcht nicht
Schwarzer Freitag: Einer ist raus. Wie viele Tage hab ich jetzt mit den massiven Textkorrekturen meines hochgeschätzten Protagonisten verplempert? Nicht eine Korrektur betrifft den Inhalt. Sondern um Textaufbau und Stilfragen geht es ihm, und auch er verbringt eine Menge Zeit damit, meine Sätze umzumoden, längst Gesagtes noch einmal zu sagen (was ich hasse), vermeintliche Rechtschreibfehler zu korrigieren. Hallihallo, ist das mein Text oder seiner? Letztlich halte ich dafür her, ob der noch literarisch oder unter dem Druck der unzähligen Verschlimmbesserungen längst ein von überflüssigen Informationen aufgeblähtes Monstrum ist. Der Unmut über das mangelndes Vertrauen in meine Fähigkeiten als Schreiberin nimmt
WeiterlesenFamilie
Montag. Ein paar Tage in Tübingen mit meiner Lieblingsfamilie aus Köln, meine liebe L, das Lchen und das Tchen. So süß, so sehr mir ins Herz gewachsen. Keine Spannungen diesmal, ein Zustand wie früher, ich habe jede Minute mit ihnen genossen. Gestern Abschied am Bahnhof, dann zurück in die Wohnung, überall ihre Spuren, ein paar Sachen, die sie vergessen haben, mit den Erinnerungen an ihre Worte und Gesten im Kopf aufräumen und sich auf das nächste Mal freuen …
WeiterlesenAlptraum
Freitag, Eisenach. Das Haus ist Spinnen- und Uran-verseucht. Handtellergroße, schwarze Flecken an den weißen Wänden, ich habe sie jetzt schon zu oft gesehen. Es geht darum zu unterscheiden: Uran oder Spinnentier? Staubsauger oder – wie kriegt man Uran von den Wänden? Zu allem Überfluss öffnet sich die Dachluke wie von selbst, ein schwarzer Schwall ergießt sich über den Flur, bewegt sich als krabbelnder Teppich über die Marmorfliesen (von denen ich wenigen Wochen zuvor in stundenlanger Kleinarbeit die jahrzehntealte Patina abgekratzt habe) mit selbstverständlichem Selbstbewusstsein in alle Richtungen … Es ist ihre Haltung, die mich am meisten erschreckt. Zum Glück wache
WeiterlesenHeimweh
Samstag, Eisenach. Als meine neue Freundin T. und ich aus dem Kino kommen, überfällt mich akuter Seelenschmerz. Dabei lässt das Eisenacher Kino keine Wünsche offen: fünf Säle, modern und komfortabel, wir haben sogar Liegesitze und hätten uns einen Cocktail mixen lassen können, bestünde da nicht die Gefahr im Liegen einzuschlafen. Alles gut, alles bestens. Und als wir ins Freie treten, sehe ich plötzlich das Arsenal vor mir, mein geliebtes, verratztes Tübinger Kino, wo die Sitze hart und die Reihen eng sind, aber wen hat das gestört? Ich bekam fast immer meinen Lieblingsplatz, ich mochte den Geruch nach altem Holz und
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