Heile, heile Segen, kein Tag Regen

Sonntag. Das gab es noch nie: Tankstellen haben kein Benzin mehr. Die Schifffahrt auf dem Rhein ist wegen des niedrigen Wasserstands mehr oder weniger eingestellt. In Florida fackeln Wälder und Häuser ab bei einem der schlimmsten Flächenbrände in der Geschichte des Westküstenstaates. Heute Morgen dann zum ersten Mal seit Monaten REGEN, richtiger Regen mit stehenden Pfützen und Lachen auf dem Boden, du bist total erleichtert (woran du merkst, wie dich die Sache beschäftigt) und denkst, jetzt geht es weiter! Doch der Himmel klärt sich schon wieder auf – zartblau, engelsrosa – und die Freude darüber bleibt dir im Hals stecken.

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Lebe intensiv

Samstag. Genau jetzt … gibt es nichts Schöneres als das getupfte Engelsrosa auf dem Zartblau des Morgenhimmels, nichts Beruhigenderes als mit der dampfenden Kaffeetasse auf dem kalten Balkon zu stehen, unter diesem ewigkeitlichen Farbenhimmel und über der noch ziemlich leeren B27. Weiter vorne drehen sich tags und nachts zwei himmelhohe Kräne um sich selbst. Auf dem Dach von einem der drei Neubauten steht einer im Funkenregen seiner Flex, auf dem anderen legen sie Bretter aus, das Kreischen und Krachen vom Nebel abgedämpft, die Schornsteine qualmen. Und ich muss gleich wieder ran. Seit Wochen jede freie Minute ausgefüllt mit Korrekturarbeit, ich wundere

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Reichsprogromnacht

Felix Nussbaum wurde am 11. Dezember 1904 in Osnabrück geboren und nach dem 20. September 1944 im KZ Auschwitz-Birkenau umgebracht. Er war einer der besten deutscher Maler der Neuen Sachlichkeit. 1933 verließ er Deutschland wegen der für jeden sichtbaren Judenverfolgung des NS. Er konnte sich mit seiner Frau nach Brüssel absetzen. Dort wurde er nach einer Denunziation mit 562 weiteren Juden mit einem der letzten Transporte in das KZ Auschwitz deportiert, wo er und seine Ehefrau am 2. August 1944 eintrafen. Er wurde als Lagerhäftling geführt und starb vor der Befreiung des Lagers am 27. Januar 1945. Er sagte: „Wenn ich

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Gefangene

Sonntag, B.N. „… Vor allem übersteigt das Tempo des [technischen] Umbaus unsere Fähigkeiten zur kritischen Analyse der Rückwirkungen auf unser Selbstverständnis. Wir werden zum Beispiel bald in der Lage sein, an unserer genetischen Substanz zu manipulieren. Werden wir das Machbare tun? Und wenn wir es tun, wer setzt die Maßstäbe? Diesmal sind es Konservative und Revolutionäre, die vom Ausmaß der Veränderungen überrascht sind … Die Reaktionsformen auf die Technisierung schwanken zwischen Mißtrauen und neuer Zuversicht auf Realisierung der Allmachtsträume. Die Entwicklung geht aber offenbar in Richtung eines Eingeständnisses, daß wir Gefangene unaufhaltbarer Vorgänge, die wir selbst angestoßen haben, geworden sind, wie

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Arbeitswert*

Mittwoch, B.N. Die Korrekturarbeiten fürs „Amt“ sind fast fertig, die nächsten Korrekturen vom Verlag noch nicht da, so dass ich plötzlich über freie Zeit verfüge. Heute Besuch bei Mutter angesagt. Morgen PMs Kinder, Samstag meine aus Köln, Freitag Treffen mit A. und J. Wir sind nicht nur arbeitende, sondern auch soziale Wesen. Kommunizierende. In einer Partnerschaft kommunizierende Paarwesen, die furchtbare Angst haben, etwas falsch zu machen, falsche Worte zu sagen, falsche Signale zu senden. Falsche Entscheidungen zu treffen. Schon einmal gescheiterte Paarwesen, die jetzt alles richtig machen wollen. Verlustangst. Was sagst, entscheidest, tust du aus dieser Angst heraus, was aus

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Kein Schiff. Nirgends.

Sonntag. B.N. Der Rhein besteht neuerdings aus Sandbänken. Leute laufen da herum, wo sonst die Schiffe fahren. Schiffe gibt es keine mehr. Die Fahrrinne zwischen den Sandbänken ist niedrig wie eine Pfütze. Was ich in den Medien über die Treibstoff-Flaute gehört habe, kann ich aus dem Zugfenster jetzt sehen: Weil beladene Tanker nicht mehr fahren können, finden Diesel, Benzin und Flugzeugkraftstoff ihren Weg vom Ölzentrum Rotterdam über den Rhein nur noch sporadisch. Verdutzt gucken die hohen Burgen auf das breite Ufer herunter, wo die Kieswerke seltsam verrutscht in der Landschaft stehen. Die Wasseroberfläche schimmert schwarz und glatt wie ein Moortümpel.

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Lieblingsbuch

Montag. Irgendwie lese ich manche Bücher mit großer Verspätung. Dafür mit nicht weniger Begeisterung. Wie jetzt Wolf Haas‘ Verteidigung der Missionarsstellung. Der Roman spielt mit den verschiedenen Realitätsebenen und mit der Leserin auf Teufel komm raus. Haas ist Linguist, habe ich gelesen. Vielleicht deshalb schillert die Geschichte von der ersten Seite an …

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Freude

Sonntag. Die beste Mail ever von meiner Lektorin beim Chr. Links Verlag (bis auf die erste natürlich): Das von mir favorisierte Buchcover ist durch! Die Tübinger Grafikerin Christiane Hemmerich hatte mehrere Entwürfe präsentiert, einer gelungener als der andere, aber ich wusste sofort, welchen ich wollte (nicht nur, weil ich bei dessen Genese anwesend war …). Vergangene Woche votete die Vertreterkonferenz in Berlin nun einstimmig für eben diesen Entwurf. Und: Sie sieht ein gutes Potenzial für mein Buch im Handel, das nehme ich als eine wunderbare Bestätigung nach fast zehn Jahren Arbeit. Zufällig hatte ich gestern Abend ein paar Freunde zum Essen

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Die politische Gretchenfrage

Samstag. Der durch den Mordauftrag an Khashoggi in Erklärungsnöte geratene Mohammed bin Salman liefert heute exakt die Erklärung, die Anfang der Woche der Fernsehsender CNN als die wahrscheinlichste saudiarabische Version in Aussicht gestellt hatte: Der regierungskritische Journalist sei „im Faustkampf“ an den Folgen eines Verhörs gestorben, das „außer Kontrolle geraten“ sei. Da die türkischen Behörden im Besitz der belastenden Tonaufzeichnungen sind, bleibt nur zu hoffen, dass sie diese endlich der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen. Ein Leichtes, das Lügengebäude des saudischen Kronprinzen damit zum Einstürzen zu bringen. Für uns, für mich, ist der Vorfall auch deshalb von so großer Bedeutung, weil daran

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