Die nette Julia Engelmann

Die Poetry Slammerin Julia Engelmann ist im SAT I Frühstücksfernsehen. Ihre Eltern sitzen im Publikum. Der Moderator stellt lauter nette Fragen. Zum Beispiel: Von wem haben Sie denn Ihr Talent? Kameraschwenk ins Publikum, die Mama zeigt auf den Papa, der Papa zeigt auf die Mama. Engelmann trägt ein Gedicht über ihren Bruder vor. Der Moderator fragt, ob der Bruder nichts dagegen habe, dass er hier auf den Bühnen der Welt – Engelmann tourt gerade – vorgeführt wird. Engelmann sagt nein, das sei ja ein nettes Gedicht und sie schreibe überhaupt immer nette Dinge über die Menschen. Über ihre Eltern hat

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Heimat VI

Freitag. Heute Morgen ist mein erster Gedanke, ich muss jetzt mal runtergehen und PM die signierte Autobiographie von K.S. übergeben. Darauf freue ich mich nämlich schon die ganze Woche. Ich will aufstehen und realisiere, dass ich in Tübingen bin und nicht in B.N. Wo ist meine Heimat? (Immer die gleiche Frage.) Aber ich fahre ja tatsächlich nachher wieder los, und es wird ein aufregendes (und anstrengendes) Wochenende mit Sommerfest und vielen Leuten und viel Essen und Trinken und wer alles kommt und wer leider nicht kommen kann. H. und K. auf jeden Fall nicht. Mit K. heute Nacht ein langes

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Ungelesen

Da schreibt er eine Mail nach der anderen, und weiß doch, dass ich sie nie lese – nur manchmal weiterleite, an eine Freundin, oder an Dr. K., der dazu einiges zu sagen hat, was er natürlich nicht weiß. Nach wie vor scheint er sich intensiv über mich zu informieren – Stalking, Sadismus, alles ein und dieselbe, nie versiegen wollende Quälquelle …

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Kommt eine zu Besuch II

Sonntag. Der hinter mir mit der Sextanerblase quetscht sich zum dritten Mal durch den Mittelgang aufs Klo, meine Nachbarin betüttelt und blamiert ihren weiter vorne sitzenden Mann in einem Atemzug – manche Ehepaare entwickeln mit den Jahren so ein Nurse-Patient-Verhältnis, in dem jeder seine Funktion hat -, ansonsten alles gut. Es geht leise, zivilisiert und einigermaßen komfortabel zu. Gerade stecken wir in einem Stau fest. Ich habe nicht die leiseste Vorstellung, wo wir sind, da ich zwei Stunden geschlafen habe. Schätze, irgendwo in Thüringen. Die Fahrt mit dem Flixbus von Berlin nach Tübingen kriegst du für 19 Euro, das reicht

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Bowling

Meine Jungs und Mädels haben mich in die Kunst des Bowlens eingeführt und ich habe Blut geleckt. Bowlen ist ein Sport, der gut fürs standing ist, das spürst du schon in der kurzen Zeit an dir selbst und auch an den Anderen. Du nimmst sie plötzlich ganz neu wahr, nachdem du sie zwei Jahre lang immer nur aus einer zielführenden, zwangsläufig eingeschränkten Perspektive gesehen hast. Anschließend im total überfüllten Neckarmüller, wo noch Andere aus der Stufe waren, um ihren Abschied zu feiern, und Livemusik und Wärme und gute Stimmung. Schön, wenn man so auseinander gehen kann.

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Alles klar, Mann

Donnerstag. Wenn einer dir entgegenkommt in der Affenhitze des Mittags und den Kopf so wegdreht, dass du sein Genick praktisch knarzen hörst ( ich muss an Der Tod steht ihr gut denken, wo Maryl Streeps Kopf sich drei Mal um die eigene Achse dreht), wenn der so vollkommen interessiert die Auslagen eines Tabakladens begafft – sehr interessant, dieses Tabakschaufenster -, dann wendest du kurz mal dein Fahrrad, auf dem du gerade über die Neckarbrücke, Fußweg, rollst. Hallo M., sage ich dicht hinter ihm, so muss das ja nun auch nicht. Als hätten wir uns nie. So was in der Art. Ich

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Memento Limoncelli

Mittwoch, Tübingen. Der Chef vom Restaurant Roma, wo wir in diesem Urlaub jeden Abend gegessen haben – mit einer Ausnahme, die von der Bedienung auch gleich tadelnd registriert wird – , hat einen göttlichen Limoncello. Den schenkt er Special Guests zum Abschluss ein, keineswegs immer umsonst. Es stellt sich heraus, dass er ihn selbst ansetzt. Am vorletzten Tag fragen wir ihn nach einer Flasche davon. Er zögert, sagt, da müsse er erstmal nachdenken, eigentlich verkaufe er nicht flaschenweise. Unmissverständlich spiegelt sein Gesichtsausdruck einen inneren Kampf wider. Der Künstler, der sich nur ungern von seinen Meisterwerken trennt. Am nächsten Abend kommt er

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Fragen

Freitag, Diano Marina. Die Autobiographie meiner nächsten Interviewpartnerin und alles ausgedruckte Zusatzmaterial, Interviews etc. über und von ihr, habe ich durch. Fragenkatalog steht, bis auf den Einstieg. Fragt sich nur, ob unser Treffen bei H. und K. so klappt wie vorgesehen, weil H. ernsthaft krank ist / in der Klinik liegt und ich nicht weiß, wie K. auf diesem Hintergrund so drauf ist … Morgen fahren wir wieder nach Hause, nach Tübingen, bzw. nach B.N. Was kommt danach, wie geht es weiter?

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Jedem Ende wohnt …

Triora / Ligurien ist eine halbe Geisterstadt. Aber zuerst musst du mal überhaupt dahin kommen. 35 von den 65 Kilometern führen durch enge Bergstraßen und Haarnadelkurven, das zieht sich scheinbar endlos hin. Zum Glück versteckt sich die Sonne hinter Wolken und es sieht nach Regen aus, doch auch der Regen bleibt in der Wolkendecke hängen. Auf der Strecke fährst du dauernd an diesen „pittoresken“, an den Berggipfeln klebenden Dörfern mit hohem Kirchturm als Zentrum vorbei, und dauernd denkst du, das muss es jetzt sein, schöner kann es nicht werden. Doch nur Triora hat vom DUMONT das rote Ausrufezeichen bekommen, und

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Schwimmen, schwamm, geschwommen

Dienstag, Diano Marina. Ich schwimme jetzt jeden Tag eine halbe Stunde, das ist einfacher als Runden zählen. Und dabei muss ich doch tatsächlich mal wieder daran denken, dass ich den Freischwimmer, also das Zertifikat, also das runde Stück Stoff mit der einen Welle, das dann später auf meinen Mädchenbadeanzug genäht wurde, unrechtmäßig erworben habe, weil ich da, wo das Kamener Schwimmbad flach wurde, auf dem Boden langgelaufen bin. Wie die blauen Kacheln sich unter den Füßen angefühlt haben, weiß ich noch wie heute, das ist ja Über-Ich-mäßig schon ein bisschen daneben. Der Bademeister hatte Besseres zu tun als am Beckenrand

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