Wochenstart

Montagmorgen. Wenn es T. schlecht geht oder T. und J., geht es mir schlecht. Endlich mal wieder lange mit ihm geredet. Sie wohnen jetzt auf dem Berg in einer schönen Wohnung. Lebensabschnitte. T. wächst an den Problemen, die sich den beiden gerade stellen. Wenn nur J.’s OP schon vorbei wäre! Mein neues Lieblingsbuch ist „Kitchen“ von Banana Yoshimoto. Dabei ist das Buch alles andere als neu, ist mir nur bisher entgangen. Federleicht geschrieben und tiefgründig. Banana Yoshimoto, literarischer Shooting-Star der Neunzigerjahre in Japan, wurde mit ihrer ersten Erzählung Moonlight Shadow an der Uni Tokyo promoviert. Auch interessant! Yoshimoto schreibt jung

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After Work*

Freitag. Ich ziehe mir jetzt schon ziemlich warme Sachen an und steige auf mein Fahrrad. Es ist ein in kühles Licht getauchter Freitagmittag, der jeden Zweifel daran nimmt, dass der Herbst da ist. Der Wind bläst mir ins Gesicht, das tut gut. Von den Bäumen fällt das gelbe Laub herab, wird von den vorbei rauschenden Autos aufgewirbelt und bleibt am Straßenrand liegen. Das helle Blau des Himmels ist wie mit einem Schleier bedeckt, der reicht bis weit ans Ende der Stadt. Die Helligkeit spiegelt sich auf der Oberfläche wie auf einer Seifenblase. Ich stelle mein Fahrrad ab und gehe in

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Abgehört II (Zuggespräche)

Ich krieg auch schon graue Haare. Hahahaha! Doch, ehrlich, hab schon welche gefunden. So fünf oder sechs Stück! Hahahahaha! Wie alt bist’n du? Zweiunddreißig. Echt jetzt? Siehst viel jünger aus … Ja, wenn ich meine Haare so schneide, so nach hinten … Hahahaha! Und du? Fünfunddreißig. Ich komme gerade aus der Reha. Wegen was, wenn ich fragen darf? Ach, das sieht man nicht. Sensibilitätsstörungen. Meine Hand, meine Finger, ganz taub. Thrombus … Ablagerungen in den Venen, da kannste Pech haben, dann biste links gelähmt. Kommt vielleicht vom Rauchen. Ich habe zwanzig Jahre krass geraucht. Mehr geraucht als nicht geraucht in

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Wirklichkeit …

… ist: Das Flattern des Vorhangs vor dem offenen Fenster, PM’s Atem, rosa Wolkentupfen auf blauem Morgenhimmel, der Landeanflug der Taube auf der Antenne gegenüber, die Konturen von PM’s Geburtstagstisch, die Einkaufstüten neben dem Sessel, das wundersame Heimatgefühl, das ein Hotelzimmer zu vermitteln in der Lage ist, die Melancholie des Abschieds, die Ungewissheiten, die vielleicht nur als Ungewissheiten wahrgenommen werden. Buchenwald, gestern. Die verwirrende Größe / Weite des Mahnmals – wie groß muss ein Mahnmal sein, um diese Schuld zu tilgen? Jedem das Seine – Die Inschrift ist noch zynischer als Arbeit macht frei. Die Kahlheit des vergangenen Grauens, das

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Kate Millet ist tot

Freitag, B.N. Kate Millet ist vorgestern im Alter von 82 Jahren gestorben. Die Pionierin in Sachen Sex und Macht hat in den frühen Siebzigern mit ihrer bahnbrechenden Analyse Sexus und Herrschaft einen Diskurs ausgelöst, der wirklich Lebensperspektiven verändert, bzw. neue eröffnet hat. Bis heute bin ich meiner Frauengruppe an der ev.-theol. Fachschaft Tübingen dankbar für viele intellektuelle Upgrades: Millet, Steinem, Firestone, Beauvoir haben wir gemeinsam gelesen und diskutiert … und uns in Folge jede für sich alleine daran gemacht …

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Brutto-Netto

Donnerstag, B.N. Jasmin, eine Bekannte hier in B.N., 28 J., led., 1 Kind, wird eine Stelle als Housekeeperin in einem Hotel angeboten: 9 Euro brutto! Um herauszufinden, wieviel sie damit monatlich auf dem Konto hätte, werfen wir gestern mal den Brutto-Netto-Rechner (https://www.nettolohn.de/brutto-netto-ergebnis) an: Bei 25 Arbeitsstunden käme sie auf ca. 770 Euro netto – nur mal so zur Orientierung für Andrea Nahles, Chefin des Kompetenzzentrums Arbeit und Soziales! … hey, coole Rap-Zeile … Mit 9 Euro brutto liegt der Arbeitgeber um Nuancen über dem Mindestlohn 8,84 Euro. Hört sich natürlich irgendwie besser an. Jasmin fängt an aufzuzählen: Kindergeld, Unterhalt …

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Das Minimalismusprinzip (Letzter Bus nach Coffeeville)

Mike konnte selbst keine Gedichte verfassen, bewunderte jedoch alle, die es taten, und mochte irgendwann sogar die, die sich nicht reimten. Er übernahm gern die Aufgabe des Ansagers, der durch den Abend führte, und dank seiner Initiative wurde der Open-Mic-Abend für selbsternannte Dichter und Romanciers schnell zu einer belebten monatlichen Institution. Das Thema des heutigen Abends war Poesie in unter fünfzig Wörtern. … Cheryl war gerade zweiundzwanzig geworden und engagierte sich in ihrer Freizeit begeistert in der kirchlichen Jugendgruppe. Ihr Gedicht hieß: Mit Coca-Cola geht’s einfach besser. Christus niedergestreckt von unserer Konsumfreude und den Zugeständnissen an uns selbst, sieh lächelnd

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Abgehört

Köln, S-Bahn. … Whatsapp backuped selber! No Problem. Mein neues Passwort ist mare123, was ist mit deinem? Du kannst dir Sicherheitsfragen schicken lassen, wir checken das, eventuell machen wir dir ein completely neues Konto. Okaaay, alles klar, see you! Tschüss, Mom.

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Bundeskanzlerin Merkel-Schulz

Montag, B.N. Beide hatten sie einen gefühlten doppelten Lenor-On-The-Rocks zu viel intus. Weshalb aus dem groß angekündigten TV-Duell* Merkel vs. Schulz die GroßeKoalitionsEinigkeitsVorstellung wurde: Was der eine sagte, nickte die andere gestisch/spontan und vollinhaltlich/bewusst ab, und umgekehrt. The same Procedure as every Year? Die ca. 30% der Wähler*innen, die sich in ihrer Lebenswirklichkeit von den Fragen und Antworten überhaupt nicht tangiert gefühlt haben, dürften jetzt Konsequenzen ziehen und zu den kleinen Parteien überlaufen … oder Decke übern Kopf und gar nicht wählen gehen …   *Duell (lat. duellum ‚Zweikampf‘) ist ein freiwilliger Zweikampf mit gleichen, potenziell tödlichen Waffen, der von

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Cinema – Jugend ohne Gott

Sonntag, B.N. Jugend ohne Gott, eine Adaption des gleichnamigen Romans von Ödön von Horwath, handelt von einem Elite-Camp, bei dem es ums Aussieben geht, um die Trennung der Spreu vom Weizen. Der Weizen, das sind drei Personen, oder fünf, oder einfach mal gar niemand. Die Kombattanten wissen es nicht. Umso härter kämpfen sie gegeneinander an. Begleitet werden sie von einem Führungsteam, das seine Ausgebufftheit wie ein Ausrufezeichen mit einem stets kalten Lächeln markiert: Anna Maria Mühe als unangreifbare KZ- , nein Campaufseherin, an deren eingefroren blauen Eisaugen jede Frage abprallt. Die Einstiegsszene wird drei Mal gezeigt, jedesmal aus der Perspektive

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