Bullet Train

Dienstag. Dass das ein entspannter Abend wird, zeichnet sich schon beim gemeinsamen Durchchecken der Trailer am heimischen Esstisch als die unwahrscheinlichste Option ab. Ja, juble ich angesichts der gefühlt hundertsten Folge von Monsieur Claude, weil Vorhersehbarkeit einfach einfacher ist (und hat PM bei der zweiten Folge etwa nicht kurz mal geschmunzelt?). Doch sein Gesichtsausdruck verheißt wenig Zustimmung. Hier!, rufe ich also mit gleichbleibender Begeisterung aus: Gugelhupfgschwader! Garantiert das Gespann Bezzel/Schwarz/Potthoff doch erfahrungsgemäß ein wohliges Versöhntsein mit sich und der Welt, ein Zustand, der uns gerade mehr oder weniger abhanden gekommen ist – was will man mehr von Kino erwarten? PMs

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Gute Besserung, Salman Rushdie

Sonntag. Jetzt ist es doch passiert! Das Attentat auf Salman Rushdie ist einfach nur schrecklich. Er hat sich stets als Verbindung zwischen Ost und West gesehen – Einem war diese Verbindung offenbar ein Dorn im Auge. 33 Jahre ist die durch Ayatollah Khomeini ausgerufene Fatwa her, der Attentäter ist erst 24 Jahre alt. Ob er jemals die Satanischen Verse gelesen hat? In denen Rushdie sich auf eine alte islamische Tradition über das Leben Mohammeds beruft? Denken verboten! Während andere muslimisch geprägte Staaten sich längst davon distanziert haben, hat die iranische Regierung den Mordaufruf bis heute nicht zurückgenommen, über den Tod

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Real Humans

Freitag. Die schwedische Serie Real Humans setzt fiktional um, was der Transhumanismus an Theorie liefert. Ich finde die Serie sehr gut und gar nicht übertrieben: Sogenannte Hubots, technikbasierte Menschen, fangen die kommunikativen und sozialen Defizite der Menschen auf und machen sich auf die Weise unentbehrlich – sei es in ihrer Funktion als devote Liebhaber*innen, als ergebene Arbeitssklaven, als nimmermüde Altenpflegerinnen oder als Kumpel im Dauer-Einverständnis-Modus. Ein biobasierter Mensch erschießt sich und löst damit das Uploading seines Gehirns, seiner Gedanken und Emotionen auf die Festplatte eines Hubots mit exakt seiner Physiognomie aus – der ewige Mensch, wie TH-Vordenker Ray Kurzweil ihn

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Liveticker

Donnerstag. Ich kann nachts oder tagsüber einen Beitrag schreiben, ich kann essen oder nicht essen oder mir morgens um halb fünf ein Spiegelei braten, ich kann schlafen oder nicht schlafen. Ich bin frei! Ab nächste Woche (fast) nur noch angenehme Termine. Zeit. Der Hauch von Unendlichkeit …

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Pinboard

Mittwoch. Die Hanutas und Prinzenrollenkekse, die ich für die Kids besorgt habe, um die letzten Tage im „Amt“ zu überstehen, schmecken mir selbst nicht mehr. Sehr strange.  War doch immer ganz heiß darauf. Zuckerentwöhnt? Alterserscheinung? Veränderungen im Kleinen, um die großen zu kaschieren? Der Merbold-Text ist soweit fertig. Feinschliff erfolgt später, sobald die fraglichen Stellen mit ihm abgeklärt sind. Olenska Selena, die Ehefrau von Selenski, posiert in der aktuellen dt. Vogue neben Soldaten vor zerbombtem Flugzeug. Krieg als Fake? … von Annie Leibovitz dekorativ ins Bild gesetzt. Mir fehlen die Worte … Gestern Abend in der Lernstub jüdische Auslegungen des Johannes-Prologs

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Gemischtes Doppel

Sonntag. Brunch bei A. und H. im Garten bei Sonnenschein unter einem Schatten spendenden Birnbaum. Gefüllte Eier, Tomatenkaltschale, überbackene Speckbrötchen, Salate … es geht uns gut. Diskussionen / Fragen: Warum bombardiert Russland den Hafen von Odessa einen Tag nach dem erfolgreichen / hoffnungmachenden Getreide-Deal zwischen Russland und der Ukraine? H. + PM: Strategie der Verunsicherung. A.+JV: ? Wie noch auf Verhandlungen hoffen, wenn es in der Ukraine außer den üblichen kriegsbedingten Grausamkeiten immer wieder zum Einsatz von (international verbotenen) Landminen durch russische Streitkräfte kommt, denen vor allem Zivilpersonen zum Opfer fallen? PM+JV: Weiterhoffen. H. +A.: Gar keine Hoffnung. Wer glaubt

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Pardigmenwechsel

Samstag. Das war’s! 56 Gedichtinterpretationen korrigieren, 200 Schnitte ausrechnen, Konferenzen absitzen, Hunderte Urteile im Schnelldurchgang fällen: eine Tortur. Die beiden Seiten nicht gerecht wird. Stimmung im „Amt“ endgereizt. Das Gefühl von Überforderung und Sinnlosigkeit überfällt dich, wo der Zuversicht der Stecker gezogen wird. Persönliche intellektuelle Auseinandersetzung? Why that? Alles was du brauchst, steht auf Moodle. Aha, danke für nichts! Form ersetzt Inhalt – per Häkchensetzen.  Der Nachweis jederzeit abrufbar, was willst Du mehr? Ja. Ich will mehr: Ab sofort nur noch Schreiben. Einen Lehrauftrag / 4 Stunden behalte ich bei, aus Nostalgie oder aus Spaß oder zum Abgewöhnen oder aus

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Doch

Mittwoch. Kommt der Regen nun, oder wie? Ist das schwarze Wolkengebräu nur heiße Luft? Donnergrollen seit einer Stunde, Windböen zerzausen die Baumwipfel und treiben einen Müllsack vor sich her. Dann endlich, endlich klatschen die ersten Tropfen auf die staubtrockenen Terrassenfliesen. Ein Mann auf dem Balkon gegenüber hebt die Arme. Und er verneigt sich tief vor dem Regen. Das ist unglaublich berührend, zum Heulen schön. Als ich wenig später aufschaue, ist der Himmel blutrot. Zeigt sein undurchschaubares Wesen, seine chaotische Spontanität, seine Unerreichbarkeit, seinen unverwüstlichen Optimismus. Ich fühle mich plötzlich geborgen wie ein kleiner Vogel, der aus seinem Nest schaut.

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Bertha und der Frieden

„Keinem vernünftigen Menschen wird es einfallen, Tintenflecke mit Tinte, Ölflecken mit Öl wegputzen zu wollen – nur Blut, das soll immer wieder mit Blut ausgewaschen werden.“ (aus: Die Waffen nieder) Als erste Frau erhielt Bertha von Suttner den Friedensnobelpreis – für ihren zweibändigen Roman „Die Waffen nieder!“ und ihren unermüdlichen Einsatz für den Frieden.

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