Freitag. Der Zug ist schon zu sehen. Ich halte mein Fahrrad fest, das muss ich mitnehmen. Der kleine Bahnhof ist mir unbekannt. Eine Schülerin steht neben mir, sie wartet auf denselben Zug wie ich. In dem Moment, als der Zug einfährt, kommt die Amtschefin aus dem Bahnhofsgebäude und ruft mir zu: Wir müssen noch einen Termin klären. Ich nehm‘ Ihr Rad schon mal mit rein, sagt die Schülerin freundlich und hievt mein Fahrrad über die Schwelle des haltenden Zuges. Die Amtschefin winkt mich aufgeregt zu sich. Ich springe über die Schienen und sehe noch, wie die Zugtür sich schließt. Mein
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Noch mehr Waffen noch mehr Soldaten noch mehr Krieg
Donnerstag. Die Eskalationsspirale nimmt ihren Lauf. Die geplante Einberufung von 300.000 Reservisten in Russland zeigt nur eins: dass Waffen und Soldaten keinen Frieden bringen, und noch mehr Waffen und noch mehr Soldaten bringen auch keinen Frieden. Sondern immer mehr Tote. Und immer mehr zerstörte Städte und Landschaften. Mir fehlt die Fantasie, wie das Ende dieses absurden Krieges aussehen könnte. P.S. Wir, also der Westen, sind fein raus. Wir liefern ja nur Material. Wir lassen andere mit unserem Material kämpfen und sterben. Je mehr Material wir liefern, desto besser & edler kommen wir uns vor. Wir sind eine Wertegemeinschaft, wir sind
WeiterlesenZur EU …
Zur Lage der EU: Martin Sonneborn
WeiterlesenDer Fall Mahsa Amini
Mittwoch. Am Dienstag, den 13. September, wurde die 22-jährige Mahsa Amini von iranischen Religionspolizisten festgenommen. Ihr Vergehen: Unter ihrem Kopftuch waren Haarsträhnen zu sehen. Ihr offizielles Verbrechen: Unislamische Kleidung. Amini war gerade auf Verwandtenbesuch. Auf der Wache sei sie laut Polizeibericht über islamische Kleidervorschriften belehrt worden. Drei Tage später, am Freitag, wurde sie für tot erklärt. Offenbar starb sie jedoch direkt am Dienstag – an einem Schlag auf den Kopf. In den sozialen Medien wird berichtet, dass Aminis Kopf nach der Festnahme im Polizeiauto gegen die Scheibe geschlagen worden sei, das habe zu einer Hirnblutung geführt. Die Polizei dementiert diese
WeiterlesenSchwerter zu Pflugscharen
Dienstag. Im 1. und 2. WK wurden 150.000 Kirchenglocken eingeschmolzen, um Waffen daraus herzustellen. Michael Patrick Kelly hat diesen Prozess umgekehrt: Schon 2018 ließ er aus Kriegsschrott eine 470 kg schwere Glocke gießen, die er #PeaceBell nannte. Mit dem Projekt warb er – gemeinsam mit dem Bonifatiuswerk der deutschen Katholiken – dafür, sich von Radikalismus und Gewalt abzuwenden: „In einer Welt voller Aufruhr und Krieg warnt uns die Friedensglocke, die Fehler der Vergangenheit zu wiederholen. Ihr Klang erinnert uns, was es zu bewahren gilt: gegenseitigen Respekt und Zusammenhalt“, so Kelly, der die Glocke mit auf seine Konzerte nimmt, um damit
WeiterlesenBegegnung aus der Vorzeit
Montag. Hallo, Frau …! ruft jemand quer durch den Klinikgang meinen Namen. Ich drehe mich um, ein junger Arzt steht vor mir und lächelt. Erkennen Sie mich nicht? Kurz nimmt er seine FFP2-Maske ab und tippt auf sein Namensschild: S. Sch. Na klar! S. Sch.! Mensch, Du? Aus meiner Erinnerung taucht ein kreisrundes Gesicht, umrahmt von schwarzen Kringellocken, auf. Und ein vanillegelber Pullover mit Bärchen vorne drauf. Der Pullover war süß und ziemlich kitschig und eigentlich nichts mehr für einen Sechstklässler, aber er sah rührend selbstgestrickt aus. Ich damals: Du hast aber heute einen schönen Pullover an. Er, unglücklich: Finde
WeiterlesenZum Fremdschämen
Prof. Dr. Ulrike Guérot macht es in den soz. Medien öffentlich: „Wer entscheidet eigentlich über den abgesicherten Wertekanon? Ich bin gestern mit folgender Mail aus der Jury des NDR-Sachbuchpreises ausgeladen worden (die sich zuvor sehr gefreut hatte, dass ich die Wahl in die Jury angenommen hatte). Hier die email:“ Sehr geehrte Frau Prof Dr. Guérot, nach der gestrigen Veröffentlichung der Zusammensetzung unserer diesjährigen NDR Sachbuchpreis Jury haben mich zahlreiche Anrufe und Nachfragen bzgl. Ihrer Mitarbeit in der Jury erreicht. Unsere Juryarbeit basiert auf Werten der wissenschaftlichen Gemeinschaft und denen des NDR Sachbuchpreises. Die Jurymitglieder haben sich eindeutig positioniert und sehen
WeiterlesenFarbenspiel
Freitag. Im Studium, im Mediävistik-Seminar, saß ich der traurigen S. gegenüber. Eineinhalb Stunden lang hatte ich ihren schwarzen Rollkragenpulli und ihre braune Cordhose vor Augen. Nachdem sie auch das vierte, fünfte Mal denselben schwarzen Pulli und dieselbe braune Hose anhatte und immer so traurig war wie am ersten Tag und ihr Gesicht hinter den langen Haarsträhnen verbarg und nie etwas sagte oder mal lächelte oder Blickkontakt aufnahm, beispielsweise mit mir, die ihr seit Wochen gegenübersaß und sich durchaus für sie interessierte, allein schon wegen der Monotonie ihrer Klamotten, kam ich zu dem Schluss: Wer Braun und Schwarz miteinander kombiniert, hat
WeiterlesenGegenoffensive
Dienstag. Russische Truppen fliehen vor der unerwartet starken Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte. Den russischen Soldaten geht die Motivation für den Krieg aus, sie wissen nicht, wofür und warum sie noch kämpfen sollen. Nach sieben Monaten Krieg kann man sagen, dass die angeblich schnelle Eroberung des „Bruderlandes“ alles andere als nach Plan läuft. Unter dem Eindruck hoher Totenzahlen melden sich keine Freiwilligen mehr für weitere militärische Einsätze. Verstörend wirken sich Falschdarstellungen bzw. das Schweigen des Kremls nicht nur auf die Kampfmoral der Soldaten, sondern auch auf die Bevölkerung aus. Immer mehr Putin-kritische Stimmen wagen sich an die Öffentlichkeit. Blogger auf Telegram,
WeiterlesenKairos
Montag. Wer wissen will, warum der Osten „immer noch“ anders tickt als der Westen, dem sei Jenny Erpenbecks neuer Roman Kairos ans Herz gelegt. In leise eindringlichem Sound kristallisieren sich die wesentlichen Fragen aus 33 Jahren Wiedervereinigung heraus und finden so vielschichtige Antworten, wie sie dieser komplexen Thematik zustehen: … Bis April ist manchmal noch von „Kooperation“ zwischen beiden Staaten die Rede, danach nur noch von „Beitritt“. Plötzlich ist die Zeit ein eisernes Korsett. Was eben noch gerast hat, geschwebt, getaumelt, ist nun Verfügungsmasse für Erwägungen, deren Sinn und Ursprung im Osten des Landes unbekannt sind. Der Aufbruch, der kurz
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