Energie

Sonntag, Eisenach. Schnell ist man bei den absurden Gaspreisen, beim Energieproblem, bei Habeck, bei Putin. Und bei den Montagsdemos. Wir sind in unserem Hof, die Nachbarn kommen mit Blumen und Wein die Einfahrt hoch und heißen uns willkommen, es gibt Kaffee und Kuchen von Brüheim und wir lernen unsere nächsten Mitbewohner*innen der Straße kennen. Ad Blue geht auch bald aus, sagt eine, dann können die LKWs nicht mehr fahren und wir haben wieder ein Lieferproblem, schlimmer als zu Coronazeiten. Trotzdem laufe ich da nicht mit, da sind Rechte dabei, sagt eine andere. Es geht doch um die Sache und nicht

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Freundin

Mittwoch, Werne. Am Abend treffe ich mich mit meiner alten Schulfreundin Ingrid. Ohne sie hätte ich mein Abi nicht bestanden. Sie spielt nicht. Keine Allüren, kein Fake. Ingrid gehört zu den seltenen Menschen, bei denen ich sein kann, wie ich gedacht bin. Nicht wie ich meine, sein zu müssen. Ihr Mann ist gestorben, erzählt sie, einfach umgefallen und tot. Sie hat viele Krankheiten, jammert aber nicht. Erzählt davon wie von Abenteuern. Das Setzen ihrer sechs Stents hat sie auf dem Bildschirm mitverfolgt: Ich hab dem direkt gesagt, wo die hingehören! Sie lacht, wie sie früher beim Mathe-Üben in ihrem Mädchenzimmer gelacht

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Mutterbesuch

Mittwoch, Werne. Käseschnittchen in Kleinstwürfeln, Orangensaft, Thüringer Eierlikör aus der Schnabeltasse – schmeckt Dir das? Nein! -, ein winziges Stück Gurke, das nicht mehr runter geht. Gedankenfetzen: Tante Käthe, Breslau, der Bruder in der Kadettenanstalt, Apfelgelee. Was soll ich anziehen? Plötzlich diese klare Frage. Ich: Einen Rock? Sie: Ja!, wo hängt der? Ihre mageren Arme auf der Bettdecke, die papierdünne Haut voller blauer Flecke, da wo die Pflegerinnen jeden Abend zupacken (müssen), um sie umzubetten. Mitleid und Entsetzen mischen sich mit dem bisher nur gedanklichen Vorsatz, es selbst einmal anders zu machen. Draußen plätschert der Brunnen, das höre nur ich.

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Wer nachfragt ist rechts?

Freitag. Der Eklat um die ehemalige rbb-Intendantin Patricia Schlesinger hat es offengelegt: den TV-Funktionären sind ihre Posten & Privilegien wichtiger als ihr öffentlich-rechtlicher Auftrag. Das ist weder neu noch besonders spektakulär, höchstens der Umfang von Schlesingers Griff in die Kassen. Fazit aus der Causa Schlesinger: Die Selbstkontrolle durch Verwaltungsräte funktioniert nicht. Wie sollte sie auch? Die Gelder fließen ja ohnehin – jährlich vom Staat garantierte 8,5 Milliarden Euro!, den Hauptanteil stellen die Rundfunkgebühren. Kurioserweise haben ausgerechnet wir Gebührenzahler*innen nicht den geringsten Einfluss, wir können die Zahlung nicht einmal verweigern. Vielschichtigkeit kommt dabei nicht gerade raus. Solange die Interessengruppen sich gegenseitig

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Mensch Gorbi

Mittwoch. Mit 91 Jahren ist Michail Gorbatschow gestern gestorben. Machen wirs kurz: Ohne ihn hätte ich PM nicht kennengelernt. Mit Glasnost und Perestroika, Begriffe, die damals direkt vom russischen in den deutschen Spachgebrauch eingingen, setzte er nicht nur den Demokratisierungsprozess in der SU in Gang, sondern auch die Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland. Wir mochten ihn alle, und alle liebten wir die schöne Raissa und überhaupt die beiden zusammen als Couple in love. 1990 bekam Gorbatschow für seine Leistungen den Friedensnobelpreis. Den das Komitee  damit begründete, dass „die Konfrontation der Blöcke durch Verhandlungen ersetzt“ wurde, dass „alte europäische Nationalstaaten ihre Freiheit wiedergewonnen“ hätten und

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Passt!

Samstag, Eisnach. Flohmarkt in Eisenach heißt Leute kennenlernen. Also das Gegenteil von Flohmarkt in Tübingen. Ich winke jetzt mal sämtliche Vorurteile ungebremst auf die Bühne – sind ja gar keine Vorurteile, sondern Urteile, die ich mir nach jahrzehntelangem Leben und Arbeiten im Schwabenland (und als gebürtige NRW-lerin mit Vergleichspotenzial) erlauben kann. Zusammengefasst: Wo es sich für den Schwabenmenschen kulturell / psychologisch / ökonomisch bewährt haben mag, als geschlossenes System durch die Gegend zu laufen und das lebenslänglich, da ist der Thüringen-Mensch neugierig, offen und erstmal freundlich. Auch er fragt zuallererst: Wo kommste denn her?, um dann zu nicken. Was soviel

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Schillers Kabinettchen

Donnerstag, Eisenach. Ich war schon einmal in Weimar. Das war 2005. Seltsam, wie anders man die Umgebung wahrnimmt, wenn ein anderer Mensch dabei ist (und atmosphärische Störungen auch das Hinsehen & Hinhören stören). Diesmal ist der richtige Mensch dabei, und Weimar ist friedlich und bunt. Die Leute regen sich nicht auf, wenn ihnen jemand im Weg steht oder wenn Radfahrer sich auf dem Gehweg durchschlängeln. Es gibt viel zu wenig Fahrradwege im Osten, eigentlich fast gar keine, aber das nur nebenbei. Auch diesmal möchte ich ins Schillerhaus. Wie damals erfreue ich mich an des Dichters Leidenschaft für modische Tapeten und

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Freunde

Mittwoch, Eisenach. Und zwischen Handwerkern und Baumarkt beinahe täglich Treffen mit Freunden: Das Montagsbier in Tovs Garten unter Sternenhimmel und hohen Bäumen; bei R. & Ch. in Gotha, die ihr Schicksal tragen und sich ihm – wie auch immer – widersetzen; mit T. & A. an unserem wackeligen Tischchen im Hof oder mit Markus & Ursel im Restaurant. Für zwei Tage sind sie extra aus Ahrweiler hergekommen und haben zwei Schränke mitgebracht. Die Nachbarn verfolgen das Treiben ihrer neuen Mitbewohner und denken sich ihren Teil: Wenn Tov mit original DDR-Schwalbe samt Seitenwagen die Auffahrt hochknattert und einen Tag später R.

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Luthers Blick

Samstag, Eisenach. Seit zwei Wochen schaue ich auf die Wartburg. Ich öffne die Terrassentür und mein Blick fällt direkt drauf. Heute Morgen leuchtet das berühmte türkisgrüne Dach tapfer durch die diesige Wolkendecke, die sich aber höchstwahrscheinlich in wenigen Stunden verziehen wird. Es regnet ja nicht mehr. Seit Wochen sind Flüsse und  Bäche ausgetrocknet und Seen (und die Meere) kippen um vor lauter Hitze. In manchen Regionen gibt es Regulierungen zur Wassernutzung, Wasser wird zum knappen Gut. Aber solange unsere Oberhäuptlinge sich darüber in den Haaren liegen, aus welchem Land aktuell noch Gas bezogen werden darf, ohne sich die Hände schmutzig

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