Montag. Hallo, Frau …! ruft jemand quer durch den Klinikgang meinen Namen. Ich drehe mich um, ein junger Arzt steht vor mir und lächelt. Erkennen Sie mich nicht? Kurz nimmt er seine FFP2-Maske ab und tippt auf sein Namensschild: S. Sch. Na klar! S. Sch.! Mensch, Du? Aus meiner Erinnerung taucht ein kreisrundes Gesicht, umrahmt von schwarzen Kringellocken, auf. Und ein vanillegelber Pullover mit Bärchen vorne drauf. Der Pullover war süß und ziemlich kitschig und eigentlich nichts mehr für einen Sechstklässler, aber er sah rührend selbstgestrickt aus. Ich damals: Du hast aber heute einen schönen Pullover an. Er, unglücklich: Finde
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Zum Fremdschämen
Prof. Dr. Ulrike Guérot macht es in den soz. Medien öffentlich: „Wer entscheidet eigentlich über den abgesicherten Wertekanon? Ich bin gestern mit folgender Mail aus der Jury des NDR-Sachbuchpreises ausgeladen worden (die sich zuvor sehr gefreut hatte, dass ich die Wahl in die Jury angenommen hatte). Hier die email:“ Sehr geehrte Frau Prof Dr. Guérot, nach der gestrigen Veröffentlichung der Zusammensetzung unserer diesjährigen NDR Sachbuchpreis Jury haben mich zahlreiche Anrufe und Nachfragen bzgl. Ihrer Mitarbeit in der Jury erreicht. Unsere Juryarbeit basiert auf Werten der wissenschaftlichen Gemeinschaft und denen des NDR Sachbuchpreises. Die Jurymitglieder haben sich eindeutig positioniert und sehen
WeiterlesenFarbenspiel
Freitag. Im Studium, im Mediävistik-Seminar, saß ich der traurigen S. gegenüber. Eineinhalb Stunden lang hatte ich ihren schwarzen Rollkragenpulli und ihre braune Cordhose vor Augen. Nachdem sie auch das vierte, fünfte Mal denselben schwarzen Pulli und dieselbe braune Hose anhatte und immer so traurig war wie am ersten Tag und ihr Gesicht hinter den langen Haarsträhnen verbarg und nie etwas sagte oder mal lächelte oder Blickkontakt aufnahm, beispielsweise mit mir, die ihr seit Wochen gegenübersaß und sich durchaus für sie interessierte, allein schon wegen der Monotonie ihrer Klamotten, kam ich zu dem Schluss: Wer Braun und Schwarz miteinander kombiniert, hat
WeiterlesenGegenoffensive
Dienstag. Russische Truppen fliehen vor der unerwartet starken Gegenoffensive der ukrainischen Streitkräfte. Den russischen Soldaten geht die Motivation für den Krieg aus, sie wissen nicht, wofür und warum sie noch kämpfen sollen. Nach sieben Monaten Krieg kann man sagen, dass die angeblich schnelle Eroberung des „Bruderlandes“ alles andere als nach Plan läuft. Unter dem Eindruck hoher Totenzahlen melden sich keine Freiwilligen mehr für weitere militärische Einsätze. Verstörend wirken sich Falschdarstellungen bzw. das Schweigen des Kremls nicht nur auf die Kampfmoral der Soldaten, sondern auch auf die Bevölkerung aus. Immer mehr Putin-kritische Stimmen wagen sich an die Öffentlichkeit. Blogger auf Telegram,
WeiterlesenKairos
Montag. Wer wissen will, warum der Osten „immer noch“ anders tickt als der Westen, dem sei Jenny Erpenbecks neuer Roman Kairos ans Herz gelegt. In leise eindringlichem Sound kristallisieren sich die wesentlichen Fragen aus 33 Jahren Wiedervereinigung heraus und finden so vielschichtige Antworten, wie sie dieser komplexen Thematik zustehen: … Bis April ist manchmal noch von „Kooperation“ zwischen beiden Staaten die Rede, danach nur noch von „Beitritt“. Plötzlich ist die Zeit ein eisernes Korsett. Was eben noch gerast hat, geschwebt, getaumelt, ist nun Verfügungsmasse für Erwägungen, deren Sinn und Ursprung im Osten des Landes unbekannt sind. Der Aufbruch, der kurz
WeiterlesenEnergie
Sonntag, Eisenach. Schnell ist man bei den absurden Gaspreisen, beim Energieproblem, bei Habeck, bei Putin. Und bei den Montagsdemos. Wir sind in unserem Hof, die Nachbarn kommen mit Blumen und Wein die Einfahrt hoch und heißen uns willkommen, es gibt Kaffee und Kuchen von Brüheim und wir lernen unsere nächsten Mitbewohner*innen der Straße kennen. Ad Blue geht auch bald aus, sagt eine, dann können die LKWs nicht mehr fahren und wir haben wieder ein Lieferproblem, schlimmer als zu Coronazeiten. Trotzdem laufe ich da nicht mit, da sind Rechte dabei, sagt eine andere. Es geht doch um die Sache und nicht
WeiterlesenÜbergang
Donnerstag, Werne. Heute bekommt sie gar nichts von meinem Besuch mit. Schläft seit Stunden, ist schon in einem anderen Universum, in einer Welt des Übergangs. Heute vor 13 Jahren ist Papa gestorben.
WeiterlesenFreundin
Mittwoch, Werne. Am Abend treffe ich mich mit meiner alten Schulfreundin Ingrid. Ohne sie hätte ich mein Abi nicht bestanden. Sie spielt nicht. Keine Allüren, kein Fake. Ingrid gehört zu den seltenen Menschen, bei denen ich sein kann, wie ich gedacht bin. Nicht wie ich meine, sein zu müssen. Ihr Mann ist gestorben, erzählt sie, einfach umgefallen und tot. Sie hat viele Krankheiten, jammert aber nicht. Erzählt davon wie von Abenteuern. Das Setzen ihrer sechs Stents hat sie auf dem Bildschirm mitverfolgt: Ich hab dem direkt gesagt, wo die hingehören! Sie lacht, wie sie früher beim Mathe-Üben in ihrem Mädchenzimmer gelacht
WeiterlesenMutterbesuch
Mittwoch, Werne. Käseschnittchen in Kleinstwürfeln, Orangensaft, Thüringer Eierlikör aus der Schnabeltasse – schmeckt Dir das? Nein! -, ein winziges Stück Gurke, das nicht mehr runter geht. Gedankenfetzen: Tante Käthe, Breslau, der Bruder in der Kadettenanstalt, Apfelgelee. Was soll ich anziehen? Plötzlich diese klare Frage. Ich: Einen Rock? Sie: Ja!, wo hängt der? Ihre mageren Arme auf der Bettdecke, die papierdünne Haut voller blauer Flecke, da wo die Pflegerinnen jeden Abend zupacken (müssen), um sie umzubetten. Mitleid und Entsetzen mischen sich mit dem bisher nur gedanklichen Vorsatz, es selbst einmal anders zu machen. Draußen plätschert der Brunnen, das höre nur ich.
WeiterlesenWer nachfragt ist rechts?
Freitag. Der Eklat um die ehemalige rbb-Intendantin Patricia Schlesinger hat es offengelegt: den TV-Funktionären sind ihre Posten & Privilegien wichtiger als ihr öffentlich-rechtlicher Auftrag. Das ist weder neu noch besonders spektakulär, höchstens der Umfang von Schlesingers Griff in die Kassen. Fazit aus der Causa Schlesinger: Die Selbstkontrolle durch Verwaltungsräte funktioniert nicht. Wie sollte sie auch? Die Gelder fließen ja ohnehin – jährlich vom Staat garantierte 8,5 Milliarden Euro!, den Hauptanteil stellen die Rundfunkgebühren. Kurioserweise haben ausgerechnet wir Gebührenzahler*innen nicht den geringsten Einfluss, wir können die Zahlung nicht einmal verweigern. Vielschichtigkeit kommt dabei nicht gerade raus. Solange die Interessengruppen sich gegenseitig
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