Samstag. Ja, ich habe Angst. Ich gebe es frei und unumwunden zu. Ich habe Angst vor der seit Monaten drehenden Eskalationsspirale an rhetorischer Gewalt gegenüber Russland und Putin. Ich habe Angst vor den öffentlich-rechtlichen Nachrichten. Es ist schon soweit, dass ich wegzappe, bloß um den Nachrichten zu entkommen. Da vernehme ich nämlich nur noch eins: Die Russen sind schuld, allen voran Putin. Fast egal ist es, um welchen Konflikt es sich gerade handelt. Immer höre und lese ich: Die Russen waren es. Kriege werden nur von Putin und den Russen angezettelt, Fake News und Cyberkriminalität machen ausschließlich die Russen, Wahlen
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Azur
Freitag. Highlight bei der Ernennung und Vereidigung der neuen Bundesregierung sind die neuen Ministerinnen Franziska Fiffey (Familie) und Julia Klöckner (Agrar). Nicht nur, dass sie bemerkenswert gut aussehen – sie schlagen auch noch im gleichen Outfit auf: einer leuchtenden Kleid-Bolero-Kombi in der aktuellen Trendfarbe Azur. Man stelle sich das vor, die beiden Politikerinnen gehen shoppen für diesen immens wichtigen Termin, vielleicht zu Peek & Cloppenburg, die eine in Berlin, die andere in Bonn, und beide greifen zielsicher nach demselben, königsblauen Kleid. Anstatt auf Distanz zu gehen, um den Faupax zu kaschieren, setzen sie sich auf der Regierungsbank nebeneinander (während Merkels Wiederwahl),
WeiterlesenSchwere Themen II
Mittwoch. Ich weiß nicht, warum mich das so beschäftigt, aber ich denke gerade an eine Begebenheit mit einem älteren, alten Kollegen. Ich war damals um die dreißig, deshalb kam er mir so alt vor, und er sah auch alt aus, weil er von seiner Krankheit gezeichnet war. Er hatte ein vertrocknetes Gesicht und ganz schlimme Augen, rote, tränende Augen, die so basedowmäßig vorstanden, er sah wirklich nicht besonders gut aus. Drei Mal die Woche musste er zur Dialyse, das war beschwerlich für ihn, und das erzählte er mir, und dann sagte er, dass er so dringend auf eine Niere warte,
WeiterlesenUnd immer noch NSU
Dienstag. Seit gestern liegt der Abschlussbericht über den NSU-Untersuchungsausschuss vor. Die Regierungsseite komme dabei zu „unerwarteten Eingeständnissen“, so der Kommentar der Hessenschau. 713 Seiten in vier Jahren – da war Wolfgang Schorlau doch deutlich schneller und effizienter: Seine Ergebnisse, bzw. sein Buch Die schützende Hand liegt seit 2015 vor, umfasst 380 Seiten und kommt zum Teil zu den gleichen Schlüssen. Nur wurden die bisher als Verschwörungstheorie abgestempelt. Mit dieser Einschätzung dürfte es ab sofort schwierig werden. Der Abschlussbericht fasst zusammen, was in den vergangenen vier Jahren des NSU-Untersuchungsausschusses im Landtag geschehen ist – und spricht aus, was ausgesprochen werden muss: Zum
WeiterlesenSchwere Themen beim Frühstück
Samstag, B.N. Lange, kontroverse Diskussion mit PM über Stammzellentherapie, die Nutzung von embryonalem Material und Organtransplantation. Die Vorstellung, dass ein Embryo, weil embryonale Stammzellen sich schneller teilen, nur Material für ein anderes – höheres? – Leben sein kann, macht mir massive Schwierigkeiten. Die Vorstellung, dass ein Anderer erst sterben muss, um MIR das Leben zu retten, auch. Meine Horrorvision in Bezug auf Stammzellentherapie: Alte, Reiche eignen sich das Genmaterial von Armen, Jungen an, um ihr kostbares Leben zu verlängern … Da wir im Kapitalismus leben und auch die Medizin sich nach gewinnorientierten Maximen richtet, liegt der Missbrauch einfach zu nahe.
WeiterlesenVon morgens bis abends
Donnerstag. PM gratuliert mir heute Morgen zum Internationalen Frauentag, Venceremos! Erst denke ich, er ist der Einzige, der daran denkt. Aber auf dem Holzmarkt gibt es Veranstaltungen von SPD und MLPD und eine Rose für die Frauen. Heute Morgen steht einer auf dem Platz vor der Thiepval-Kaserne und macht Feng Shui. Ich mag das, wenn Leute ganze alleine und ganz bei sich sind. Heute Mittag Faust I-Verfilmung mit Gustav Gründgens. Goethes Sugardaddy-Erotik ist zum Fremdschämen. Kaum noch vermittelbar. Warum auch? Draußen dreht sich der gesellschaftliche Diskurs um #MeToo!, und drinnen wird literarisch wertvollem Sexismus das Wort geredet. Als ich abends
WeiterlesenStadtbibliothek Stuttgart
Mittwoch. Heute Buchpräsentation Zwischentöne in Dur und Moll im Max Bense Forum der Stuttgarter Stadtbibliothek, auf die wir seit dem vergangenen Herbst schwer hingearbeitet haben. Ich fahre also mit sieben Jungautorinnen und einem sehr jungen Jungautor in die Landeshauptstadt, wo wir in der Königsstraße erstmal in irgendwelchen Geschäften hängenblieben – Pylones, H&M … . Unser nächstes Ziel ist die Markthalle. Viele Eindrücke führen hier zu eindrücklichen Texten in einer halbstündigen Schreibübung auf der Treppe über dem grünen Brunnen. Am frühen Nachmittag kommen wir in der Bibliothek an und besichtigen die nicht eben sehenswerte Dachterrasse, bevor wir durch die weißgetünchte Kathedralenstimmung von
WeiterlesenScheißegal
Dienstag. Manchmal musst du total alleine sein, um zu sehen, wie es weitergehen soll. Ich laufe durch meine frisch renovierte, blitzblank geputzte Wohnung mit den blitzblank geputzten Fensterscheiben und höre mir die Fragen in meinem Kopf eine nach der anderen an. Ich habe keine Antworten. Ich war einkaufen und habe gekocht. Die einfachen Dinge, die sind so was von in Ordnung! Ich habe alle Zimmerbewerber*innen abgesagt. Ich mag niemanden mehr in der Wohnung haben. Im Moment jedenfalls nicht. All diese SMSse und WhatsApp-Nachrichten und E-Mails – plötzlich ist mir übel. Niemand von denen passt zu mir, jeder von denen weiß
WeiterlesenWie gehabt
Sonntag. Nach sechs Monaten Hängepartie geht alles weiter wie gehabt: GroKo. Langweiliger gehts wohl nicht. Und das, obwohl Leute wie Kevin Kühnert den Aufbruch vorexerziert haben … Chance verpasst?
WeiterlesenProsaisch
Samstag Morgen. Minus zehn Grad, minus fünf Grad, in den letzten Tagen ist dir das Gesicht eingefroren. Heute null Grad. Dafür eine dichte Glitzerschneedecke wie eine Schicht Schlagsahne auf der Terrasse, auf dem Tisch, den Stühlen und auf der Straße, der B27, unter dem Balkon. Eine Treppe tiefer schläft PM. Im Nebenzimmer werden die Wände gestrichen. Steve ist ausgezogen, das Zimmer ist abgewohnt, neue Bewerber*innen waren da, ich weiß noch nicht, hab irgendwie keine Lust. Menschen lassen sich nicht ersetzen. Brötchen für die Handwerker schmieren, aufräumen, Fenster putzen, das ist heute mein Tagesprogramm. Alles ganz prosaisch. Wann komme ich wieder
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