Räumung

Montag. Das Haus der Eltern zu räumen ist kein Spaß. Die Uralterinnerungen, die einem dabei entgegenfallen, absichtslos, einfach weil sie da sind – teilweise unerträglich. Die Brücke zur Familie immer brüchiger. Der inkarnierte Vorwurf: Was sind schon 300, 600 km, das ist nichts, das können die machen, für mich, die ich mir solange die Augen zuhalte, halte sie zu, bis auch diese Sache – welche auch immer – wieder geregelt ist, natürlich falsch, die machen ja immer alles falsch, und auch diesmal wird es falsch sein, wieder mal wie immer, wie immer! Was wäre dagegen ein Dankeschön, eine kleine Ermutigung,

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Ach, Angie!

Samstag. Ach Angie, musste das sein!!! Warum hast du den doofen Paragraf 103 nicht einfach gestrichen? „Beleidigung von Organen und Vertretern ausländischer Staaten“ – ist doch wirklich ein antiquiertes Ding. Die Sache wäre vom Tisch und Erdogan hätte ganz schön dumm aus der Wäsche geguckt. Wo er sich doch gerade erst so fleißig in das StGB eingearbeitet hat. Zack, weg mit dem Paragrafen, das wäre mal eine ANSAGE gewesen. Aber da sind ja die Flüchtlinge, die du erst empathisch, jedoch, sagen wir, etwas ungeordnet gerufen hast und die dein neuer Freund Erdo nun für dich wegräumen soll. (Die Drecksarbeit machen

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Wer, wie

Freitag. Gestern I. getroffen, G. macht jetzt doch Chemotherapie. Sie arbeiten viel zusammen im Garten, was G. gut tut. Als ich Chris wegen seiner abgestellten Kaffeetassen plus eingetrockneter Ringe anmeckere, spuckt er auf seinen Handballen und rubbelt die Ringe von meinem Platz weg. Du siehst es ja nicht, sagt er und lacht sich schlapp über seinen Witz. C.’s Party am Samstag war so langweilig, dass PM sich immer noch ärgert. Steve ist wieder im Lande, er war fünf Wochen weg und die Bude ziemlich unlebendig ohne ihn und nur mit Tanja, von der ich so gut wie nichts mitbekomme. (Sie schleicht wie ein Panther, öffnet und

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Der Oberboss vom Bosporus

Jan Böhmermanns Schmähgedicht gegen  Recep Tayyip Erdogan  schlägt international Wellen. Ob er’s eingeplant hat oder nicht, ist eigentlich wurscht. Ob er auf die Solidarität anderer Künstler*innen gesetzt hat? Gar auf Angela Merkels Solidarität? Die bekommt er nicht, auch wenn die unwissende, aber interessierte Bürgerin das als politisch klug angesehen hätte. So macht die kurze Wirkungsgeschichte des Böhmermann’schen Gedichts jetzt schon deutlich: Merkel verlässt mit ihrem schmutzigen Flüchtlingsdeal mit der Türkei den Weg von Recht und Moral. Denn wer sich mit dem Teufel einlässt, muss auch dessen Suppe auslöffeln – und kann auf lästige Satiriker keine Rücksicht nehmen, Meinungsfreiheit hin oder

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Der Frühling, die Telekom und die Wut

Samstag. Heuschnupfen so schlimm wie schon lange nicht mehr. Die Augen kratzen, der Gaumen kribbelt, von der Nase will ich gar nicht erst anfangen. Draußen das Zwitschern von Zilpzalp, Spatz und Kohlmeise und ein Eimer voll Sonnenstrahlen. * Neues Telefon, neuer Anbieter. Was folgt, ist ein Bombardement von SMSsen, Briefen und Paketen, die Telekom hat mich lieb. Stellt mir das alles so hin, und für den Rest gibt’s ja die Hilfe App (was für ein doofer Name): Richten Sie sich den Anschluss EINFACH ein. Oder nutzen Sie die Einrichtungsunterlagen. Sollte es danach nicht funktionieren, erreiche Sie uns unter 0800 … – Oh

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Lampe Berger

Mittwoch. Sie packt die Haussocken, die ich für L. gekauft habe, in eine rote Papiertüte, es ist eine besonders schöne Tüte, und als ich ihr das sage, nimmt sie die gleiche Tüte in etwas größer aus dem Regal und stellt die kleinere in die größere. Die schenke ich Ihnen, sagt sie, und dass sie Freude an Verpackungen habe. Sie streichelt das Papier und fängt von ihren Katzen an zu erzählen, die sie Kätzle nennt, und es klingt, wie wenn andere Leute von ihren Kindern reden, und dann erzählt sie von Paris, wo sie einmal gelebt habe – meine beste Zeit – und ich sage: Jetzt

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Ersatzzug

Sonntag. Der IC 1915 von Berlin nach Tübingen ist heute fast pünktlich, besteht nur aus 1. Klasse-Wagen und ist komplett leer. Erstaunlich, wo doch die Ferien vorbei sind und gerade heute die Massen zu erwarten wären. Ist auch nur ein Ersatzzug, wie sich schnell herausstellt, als ich in Remagen einsteige und vergeblich nach der 2. Klasse suche: Der richtige Zug ist unterwegs irgendwo bei Hannover stecken geblieben, wo er vielleicht jetzt noch steht. Da hab ich aber mal so richtig Schwein gehabt, und großartig hätte ich arbeiten können an dem aufklappbaren Tisch meines komfortabel bemessenen Vierersitzes, wenn sich in Koblenz

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Einsichtshemmung

Samstag, B.N. „Der Verzicht auf Gewalt, die Vertauschung der Muskelaktivität gegen die Sprachaktivität gelingt uns … höchst unvollkommen. Im Leben der Individuen kann der Dauerstreit mit Worten nicht weniger belastend sein als eine physische Auseinandersetzung, weil Einsichtshemmungen im Dienste der tyrannischen Triebansprüche auch mit vielen Worten nicht gelöst zu werden brauchen.“* OmG! Wenn ich diese Erkenntnis 20 Jahre vorher gehabt hätte … Warum hab ich nicht ganz einfach mal meine Muskelaktivität in Gang gesetzt, wenn der Hero meines abgelegten Lebens wieder mal eine seiner gefühlten hundert Ex- und Wieder- und Neufreundinnen gedatet hatte und Dauerstreitereien im Vor- und Nachfeld auf

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