Dienstag. Was da gerade mit den Kurden geschieht, übersteigt mein politisches Verständnis. Wie ist dieser Rückfall in die primitivste Barbarei – Köpfe abhacken – zu erklären? (Wie kann man einen anderen Menschen töten, ohne Grund töten, so töten?) Und: Welche Rolle spielt die Türkei? Warum heißt ISIS plötzlich nicht mehr ISIS, sondern IS? Die Terrorgruppe bestimmt, wie wir sie zu heißen haben, und die ausländischen Journalist*innen stehn Gewehr bei Fuß? Warum sind die ISIS-Kämpfer aus Europa und Russland die brutalsten? Welches Rollenbild haben junge Männer, wenn sie sich von bluttriefenden Propagandavideos anfixen lassen? Vielleicht ist die letzte Frage die entscheidende.
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Bewegung
Montag. „Das Boot muss schaukeln, das Boot muss fahren“, sagt die erste Chefredakteurin Saudi-Arabiens, Somayya Jabarti. „Denn Leben, das ist Bewegung.“
WeiterlesenRichtig
Alles fühlt sich richtig an. Wenn ich PM’s Schrank aufmache, hängt da meine Jacke, und meine Schuhe stehen in der Ecke. Ich freue mich auf heute Abend, auf alte Freunde aus Eisenach und neue Freunde von hier und auf PM’s Kinder, um Geburtstag mit ihm zu feiern. Wenn ich die Kartoffeln für den Kartoffelsalat aufsetze, ist das das richtige Essen und ich trage die richtigen Kleider und bin am richtigen Ort mit den/dem richtigsten Menschen.
WeiterlesenUne porte condamnée
Samstag, B.N. Eine Stelle, die mich bewegt (aus: Andreas Altmann: Das Scheißleben meines Vaters, das Scheißleben meiner Mutter und meine eigene Scheißjugend, Piper 2011): Im Französischen gibt es den eigenwilligen Ausdruck „une porte condamnée“, wörtlich übersetzt: eine verurteilte Tür. Gemeint ist eine Tür, die unpassierbar ist, blockiert. So ein vernageltes Tor hängt auch bei mir, hängt vor jener Herzkammer, die an meinem Geburtstag verbarrikadiert wurde. Auf ewig. Keine Rosskur, auch keine Schreibkunst, wird sie aufbrechen. Auch nicht der Mensch, der bereit wäre, mich zu lieben, schaffte sie – die Tür, eben dieses Wissen der Wertlosigkeit – aus der Welt. Denn
WeiterlesenTäter und Opfer
Freitag, im Zug. Die emotionale Abgewandtheit des „Täters“ über zwanzig lange Jahre hat natürlich ihre Entsprechung auf der „Opfer“-Seite, diese zu ertragen und gleichzeitig zu glauben, sie durch unermüdliche Bemühungen korrigieren/heilen zu können (was nicht gelingen wird). Die Korrekturbemühungen des „Opfers“ können sogar so weit gehen, ein Buch zu schreiben. (Das, was das „Opfer“ am besten kann.) Ein Buch, um den geliebten „Täter“ endlich gefühlsmäßig zu erreichen. Durch größtmöglichen Aufwand auf der „Opfer“-Seite eine noch so geringfügige Reaktion auf der „Täter“-Seite hervorzurufen – das würde dem „Opfer“, so wie es drauf ist, ja schon genügen. Das „Opfer“ wird immer leer ausgehen.
WeiterlesenKein Freund
Freitag. Der sexuelle Betrug lässt sich mit dem finanziellen Betrug kaum vergleichen. Deshalb kann man auch nicht entscheiden, was schlimmer ist. Wenn du nach dem sexuellen auch noch den finanziellen Betrug erlebst, ist das jedenfalls die totale Pleite. Die totale Aufkündigung von Respekt und Achtung. Dem ist nichts mehr hinzuzufügen. Er hat sich geirrt, sage ich. Er macht es nicht mit Absicht. Immer noch. Immer noch will ich, dass er es nicht mit Absicht macht. Nicht seinetwegen, sondern meinetwegen. Dabei weiß ich es längst besser. So handelt kein Freund, sagt Dr. K. Freund? Welcher Freund? Eine bizarre Bilanz über zwanzig
WeiterlesenEntscheidungen
Donnerstag. Nachmittags Besuch von Petra und M. mit ihren beiden kleinen Kindern. Im Meze zusammen Mittag gegessen, danach hat Petra meine Kleider durchgesehen und konnte einiges gebrauchen. Hab jetzt kaum noch Teile aus meinem „alten Leben“, das tut gut. Meine Sachen an Petra zu sehen, ist schon manchmal komisch, weil sie bei ihr so anders wirken. Am Abend kommt Ulla vom zweiten Stock hoch, und wir quatschen bis ca. 22 Uhr, das heißt, U. quatscht und ich gebe meine Kommentare ab. Sie ist nicht mehr bei der LINKEN wegen deren Haltung zum Islamismus und den damit zusammenhängenden Problemen. Das hat
WeiterlesenAlter Zettel
Sonntag. „W.: Ich bin einfach intellektuell ein bisschen müde.“ Steht ganz verblichen auf einem orangenen Zettel aus meinem Zettelkasten. Wer ist W.? Und wann habe ich das aufgeschrieben?
WeiterlesenÜberraschung
Da ist sie, meine Überraschung! Eine wunderschöne Lederjacke, graphit, mit rotem Schottenkaro gefüttert, sehr, sehr cooles Design, und PM hat sie mit ausgesucht. Das ist das Schönste daran.
WeiterlesenGelb, grün, blau
Samstag. Die Luft heute wie ein Seidenschal und der Wind nur ein blauer Hauch. Auf dem Balkon leuchten die Herbstastern sonnengelb. Die Wiese ist nach den Regenwochen frisch gemäht worden, jetzt duftet sie saftiggrün herauf. Auf der Hauptstraße viele, viele bunte Autos. Vom Nachbarbalkon fliegt im Zickzackkurs eine Wespe heran, weil es bei mir Marmeladenbrötchen gibt. Frühlings-Déjà-vu. Bereit für Überraschungen.
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