Donnerstag, B.N. Und dann sechs Tage Familie, der schwierige Teil. Familie kann zum Fürchten sein. Sich jeden Tag neu erfinden, wie Sartre das so durchgespielt hat gedanklich und auch autobiographisch – kann man das? Jeden Tag ein neuer Entwurf meines Ichs, ohne die gefürchteten Spuren, frei von jenen familiären Mustern, die es nicht wert sind, tradiert zu werden, ja, man kann. Ein bisschen kann man das. Und das ist unter Umständen ganz schön viel. Die Befreiung von der Herkunftsfamilie – es gibt Fälle, für die das ein unabdingbarer Prozess ist, und unbedingt betrachte ich mich als einen solchen Fall. Nicht,
WeiterlesenKategorie: 2015
Freitag in Frankfurt
Freitag. B.N. Wieder zurück in Deutschland. PM heute mit seinen beiden Kindern nach Chicago, ich nach Frankfurt zum Big Familytreffen, der angenehme Teil. (L.’s 30. Geburtstag!) Thommie: Der liebe Gott hat mir zwei Ohren geschenkt: Eins für rein und das andere für raus.
WeiterlesenNo problem
Donnerstag, Tel Aviv. Als wir in der Dämmerung aus Jaffa zurückkommen, PM und ich haben Geschenke für unsere Lieben eingekauft, laufen wir am Sir Charles Clore Park vorbei. Jeden Abend ist der ganze Park voller Familien, die zusammensitzen, essen, Musik hören und Spiele machen. Sie haben Tische und Stühle aufgebaut, die sie samt Grillzeugs in ihren Autos her transportieren, die Grills rauchen, das Fleisch und das Gemüse auf den Rosten duftet und die Stimmung ist so megaentspannt, dass man sich am liebsten sofort dazu setzen möchte. Bloß wo? Arabische und israelische Familien sitzen getrennt voneinander, in friedlicher Koexistenz, wie auch die Communities
WeiterlesenKein Aber
PM sagt: „Jetzt verstehe ich das. Mit Israel ist es das gleiche wie mit der DDR. Da ist immer dieses Aber. Du darfst sagen, dass du Israel gut findest, es muss aber ein Aber folgen: Aber die Palästinenser, aber das Problem mit den besetzten Gebieten, aber, aber. Du darfst auch sagen, dass du in der DDR eine gute Jugend hattest, vergiss aber ja nicht hinzuzufügen, dass die DDR aber (!) ein Unrechtstaat gewesen ist. Damit zwingt man mich, der trotz der damit verbundenen, erheblichen Nachteile ein Kritiker des DDR-Staates gewesen ist, die DDR zu verteidigen. Das ist paradox. Ich war
WeiterlesenYad Vashem
Yad Vashem ist ein Muss. Als Deutsche(r) kannst du dich da nur beschissen fühlen. Wenn du einigermaßen gut informiert bist, überraschen dich weniger die Bilder und Texte, sondern vielmehr die konsequente Opferperspektive der Ausstellung. Die Täter sind Nebenfiguren und werden als solche lediglich benannt. Vor der original Schindlerliste zu stehen, ist ein besonderer Moment. Spätestens da begreifst du, dass der Staat Israel die einzige mögliche Antwort auf den Holocaust ist. Zum Glück, wirklich, habe ich Imre Kertesz‘ „Roman eines Schicksallosen“ im Reisegepäck und in den Tagen zuvor gelesen. Die sehr nachhaltigen Eindrücke des Romans ergänzen und intensivieren die bedrückenden Eindrücke
WeiterlesenPolitikunterricht
Dienstag, Tel Aviv. Am Sonntag stehen Yad Vashem und der Shrine of The Book an. Wir sagen es dem Taxifahrer, und er will wissen, warum. Erst nachdem wir ihn aufgeklärt haben, dass wir die Jerusalemer Altstadt schon kennen, ist er einverstanden. Trotzdem fragt er uns die Sehenswürdigkeiten eine nach der andern ab. Er ist Jerusalemer, und was seine Stadt angeht, da versteht er keinen Spaß. Er erzählt uns, dass jeder und jede Israeli drei, bzw. zwei Jahre lang zum Militär müssen und danach jedes Jahr wieder für einen Monat. Bei mir sind das 41 Jahre, sagt er und taxiert uns
WeiterlesenEnjoy The Day
Montag, Tel Aviv. Die nächsten drei Tage verbringen wir in Tel Aviv und am Strand. Hier wird ausschließlich Französisch gesprochen, was daran liegt, dass viele jüdische Familien aus Frankreich im August ihren Urlaub traditionell im Hotel Dan verbringen. Sie scheinen sich alle untereinander zu kennen und machen viel Krach. Sie überfluten Tel Aviv „wie eine Krankheit, die vorübergeht“, bringt es ein Taxifahrer auf den Nenner. Er führt es darauf zurück, dass aufgrund des zunehmenden Antisemitismus‘ französische Juden sich im eigenen Land nicht mehr sicher fühlen und sie wenigstens einen Monat im Jahr unbeschwert leben möchten. (Jedes Jahr übersiedeln 10.000 französische Juden
WeiterlesenNegev, En Gedi, Totes Meer
Samstag, Tel Aviv. Das Mietauto haben wir ja noch bis Mittwoch Abend. Nach dem Tag gestern in Jerusalem können wir uns nicht vorstellen, gleich nochmal hinzufahren, schon gar nicht mit dem Auto (obwohl wir noch einiges nicht gesehen haben). Und so fahren wir ans Tote Meer. Nach En Gedi möchte ich, wo Saul David verfolgte und David sich in einer Höhle versteckt hielt. Ich stelle mir eine sehr kleine, alte und verfallene, irgendwie staubige Stadt zwischen Wüste und Salzmeer vor. Das Bild vor meinem inneren Auge ist recht konkret. Doch En Gedi ist praktisch nichts! Wir kommen an eine Raststation,
WeiterlesenJerusalem also
Freitag, Tel Aviv. Jerusalem also. Also die Hinfahrt. Die Parkplatzsuche. Die Altstadt. Der Tempelberg. Und dann die Klagemauer. Was da in dir vorgeht, wenn du vor der Klagemauer stehst, diesem Restbestand des ersten Tempels, die alten Ritzen gespickt mit Dankes- und Bittzettelchen, von Frauen gesäumt (ich war natürlich auf der Frauenseite), die ihre Stirn und ihre Handflächen an das Gemäuer pressen und die Augen schließen, das kann u. will ich hier nicht darstellen Nur so viel: Es lässt dich, niemanden, kalt. Es berührt dich, mehr als du vermutet hast. Es weckt Erinnerungen, Sehnsüchte. Es lässt dich nicht ungeschoren davonkommen. Etwas
WeiterlesenUnd dann: Jerusalem
Jerusalem, heute, hat mich getroffen, tief bewegt, geschafft, ermattet. Zu viele Eindrücke! Am Anfang und leider auch nochmal am Ende stand jeweils eine ziemlich ätzende Fahrt mit dem Mietauto durch zwei Städte – Tel Aviv und Jerusalem – , in denen jede Sekunde der Verkehrsinfarkt droht. Einzige Therapie (gilt nur für Einheimische): Aggro-Volldrauf-Hupkonzerte! PM maximal genervt… So kann das gehen, wenn sehr alte Träume endlich wahr werden. Morgen mehr.
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