Gibts nicht mehr

Donnerstag. „Kahn war der einzige Mensch …, der überhaupt mal von Godard oder Bardot gehört hatte. Die Quinosset High war nicht dafür bekannt, die Hochkultur zu pflegen. Da legte man Wert auf standardisierte Testvorbereitungen und Auskennerei im Web 2.0. Die postgeisteswissenschaftliche Ära: alles nur noch technisches Training und Multiple Choice. Sie fütterten uns mit gameshowartigen Portionen kontextunabhängigen Wissens, lehrten uns, mit unseren HB-Bleistiften die richtigen Kästchen anzukreuzen. Kein leidenschaftlicher und abgedrehter Englischlehrer mehr … “ (Club der toten Dichter, 1989, S.25) schreibt Adam Wilson in Flatscreen vom Metrolit-Verlag. Eine Zeitlang habe ich mir viele Bücher von Metrolit zugelegt & alle

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WG-Leben

Dienstag. Meine neue WG lässt sich gut an. Seit Ye da ist, koche ich für uns alle, wir essen zusammen und quatschen viel, und jetzt muss ich aufpassen, dass das nicht zur Gewohnheit wird. Ye erzählt von China, von ihrer Stadt Schanghai, von der sie viel hält, sie hat uns Bilder mitgebracht und fühlt sich wohl hier. Wir alle fühlen uns wohl. T. zeigt ihr Tübingen, die Münzgasse, wo sie die nächsten drei Monate arbeiten wird, im ältesten Unigebäude Tübingens. Ye hat in München promoviert, das erklärt ihre farrrbehalfen Deutschkenntnisse. Sie sagt, die akademische Sprache an deutschen Fakultäten sei, im

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Wann?

Ein Wochenende ohne PM. Letzte Woche ist seine Mutter gestorben, seine Mama. Da kann einer noch so lebenserfahren sein, der Tod deiner Eltern macht was mit dir und danach kannst du dich erstmal neu aufstellen. Du bist jetzt ein Anderer, das kostet ein paar Gedanken, das braucht Zeit. Die vielen Fahrten nach Eisenach, die organisatorischen Details, die Entscheidungen, was wird, was passiert … So viele Menschen, die ihn brauchen, die an ihm zerren, die ihn auffressen. Und bei mir ist es auch nicht viel anders. Wann kommen wir zu uns selbst?

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Peaceful Sunday

Sonntag. Auf meiner Dachterrasse liegt es sich wie früher in den Sandburgen an der Nordsee. Hinter halb geschlossenen Lidern bewundere ich das Blau des Himmels, die winzigen Wölkchen, die Sonne, meine vielen Pflanzen, die frisch gewässert in ihren Kübeln stehen und ihre glitzernden, lila und pinkfarbenen Blütenköpfe im Wind hin- und herbewegen. Ich arbeite nicht. Ich liege einfach da und lasse mich von der Sonne umarmen. Ich lese Joey Goebels Freaks, ein Roman, der alles hinter sich lässt, was einen gerade so auf dem Buchmarkt zu Tode langweilt. Gott im Himmel!, Goebel schreibt anders – gossig, böse, sensibel, hochliterarisch, traurig.

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Neue Situation

Freitag. Okay, also: Vor einer Woche ist T. hier eingezogen. Vorübergehend, um zum Arbeiten zu kommen, endlich. Krankenpflege und Arbeit – wohl schwer zu harmonisieren ohne Dauerschlechtesgewissen, ohne Vorwürfe, ohne Versagensängste (ist nur meine Phantasie, ich weiß zu wenig). Arbeit ist aber wichtig. Wer arbeitet, verdient das Geld für die (gemeinsame) Wohnung. Wer arbeitet, sichert sich seinen Platz im Leben. Die Krankheit wird sich noch Monate hinziehen, die familiäre Präsenz in der gemeinsamen Wohnung auch. Der Heilungsprozess entspricht bisher nicht den ärztlichen Erwartungen. T. pflegt J. mit ihren zwei schweren, nicht miteinander in Verbindung stehenden Krankheiten seit nunmehr einem Jahr

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Die großartige Rede der Emma Gonzalez

 Emma Gonzalez ist eine der Überlebenden des Amoklaufs in Parkland. Ihre Rede beim March for our live, auf dem sich Hunderttausende Menschen mit den Opfern des Parkland-Shootings solidarisierten, wird in die Geschichte der USA eingehen: „Sechs Minuten und ungefähr zwanzig Sekunden. In etwas mehr als sechs Minuten wurden uns 17 Freunde genommen. 15 wurden verletzt. Und jeder, wirklich jeder aus unserer Schulgemeinschaft hat sich für immer verändert. Jeder, der dabei war, weiß was ich meine. Jeder, der von der kalten Waffengewalt betroffen war, weiß, was ich meine. Wir haben lange, tränenreiche, chaotische Stunden in der brütenden Nachmittagssonne verbracht, ohne zu wissen, was hier geschieht.

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GsD

Sonntag. Ich bin ja GsD ALLES: süpergesund, süperwild, süperschön, süperfit, süperglücklich, süpersmart, süperlässig, süperselbstbewusst, süperschlank, süperunnormal, süpergebildet, süpererfolgreich, süperstolz, süpercharmant, süperhappy ….

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Besser gesünder

Iss dich gesund!, fordert Focus. Wilder leben!, brüllt Emotions. Top in Form, stachelt Petra an. Startschuss ins Glück, tönt Maxi. So einfach, so gut!, jubelt Grillen Das macht mich fit, gesund & happy, konkretisiert freundin. Smart, lässig, selbstbewusst!, feintunt Myself. Wie ich zehn Kilo verlor, verrät Stern Gesund leben. Normal sein – warum eigentlich?, gibt Hohe Luft zu bedenken. Mehr Zeit fürs Wesentliche, raunt Psychologie (nicht heute!). Was tun, wenn alles zu viel wird, bremst Brigitte Mom. Einfach leben, doppeldeutelt Philosophie-Magazin. Erfolgreich verhandeln, widerspricht Focus Business. Besser Business-Englisch lernen, rät Business Spotlight. Schenk dir eine Auszeit, mahnt Emotion Slow. Ideen für ein besseres Leben, assistiert Brigitte Spezial. Wir

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Keine Angst

Sonntag, B.N. Heute lief ein junges Mädchen in Netzstrümpfen, Jeansshorts („Hot Pants“), hohen Stiefeln und Tanktop vor mir her, beinahe eins zu eins der gleiche Look, den ich als Fünfzehnjährige getragen habe (im Schulklo Klamottenwechsel und mittags wieder Zurückwechsel). Klar, dass so ein Styling provoziert. Es macht aber auch, dass du dich und deine Grenzen ausprobierst, dass du dich superstark fühlst, dass du denen, die sich provozieren lassen, den mentalen Stinkefinger zeigst. Ich bedaure alle Frauen, die sich in älteren Jahren eingestehen müssen, sich niemals auf diese Art ausgetestet zu haben und meistens auch auf keine andere. Provozierende Looks sieht

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Passt

Samstag, B.N. An ihrem Sechser-Tisch in einer munteren Unterhaltung mit Senioren zwischen 72 und 94 Jahren, höre ich meine Mutter, die sich bis dahin nicht beteiligt hat, plötzlich sagen: Wenn Juliane kommt, ändert sich alles. Ich falle fast vom Stuhl. Ihre Worte stehen leuchtend im Raum, sie muss sie wahrhaftig ausgesprochen haben. Meine Mutter lächelt vor sich hin. Die anderen gucken und nicken freundlich, fünf weiße, weise Häupter, und ich weiß, dass dieser Tag ein ganz besonderen Tag ist. Wir trinken Kaffee und essen Berliner. Der 94-Jährige hat bis vor kurzem in Grundschulen Bücher von Astrid Lindgren vorgelesen, nicht ohne

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