Von Künstlern und Bürgern

Den Faust, den Steppenwolf alias Harry Haller und den Anselmus haben wir sowas von gekocht, geknetet und durchs Sieb passiert, dass sie nun allen Beteiligten zu den Ohren herauskommen. Unauslöschlich die Spuren – die „goldene Spur“? – des drögen Dreiergespanns in hunderttausend baden-württembergischen Abiturientenseelen. Indem wir die Seelenqualen von drei existenzleidenden Protagonisten geschlagene zwei Jahre lang durchleuchtet und nachgelitten haben, wird dem omnipräsenten Goethe, dem selbstanalytischen Hesse und dem albernen Hoffmann („ich war doch die Kaffeekanne“) hunderttausendfach – wenn auch erzwungenermaßen – die Künstlerehre nachgereicht, um die sie alle drei gerungen haben. Um nichts anderes geht es in den drei

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Wie dumm ist der Mann?

Montag. Das Rad sei vor der Mauer erfunden worden, verkündet Trump gerade überall und vor allen möglichen Gremien.Will sagen: Rad und Mauer, letztere besonders, seien mitnichten antiquierte, sondern sogar sehr erprobte Mittel. Also, um Feinde bzw. mexikanische Flüchtlinge abzuwehren, nicht um darin zu wohnen, was ja der eigentliche Sinn der wunderbaren Stein-auf-Stein-Erfindung gewesen sein wird, und zwar einige Jahrtausende vor – verdammte Axt!, hab ich etwa Lust mich mit Trump zu beschäftigen?

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Lass uns über den Tod reden – Gisela Getty

Freitag. Jutta war eine extrem intuitive Persönlichkeit. In unserer Gruppierung war sie die Speerspitze. Sie erfasste die Dinge viel schneller als wir. Jutta durchschaute die Menschen, aber auch sich selbst. Sie hinterfragte alles, setzte sich dieser Hinterfragung aber auch selbst aus. In dem Film Schneeweiß Rosenrot fantasieren wir an einer Stelle: „Wir möchten heiraten, einen Prinzen, der uns auf Händen trägt, ein Häuschen mit Rosengarten, ganz normal sein, Sicherheit, ein kleines Nest …“ Und dann brüllen wir vor Lachen. In Wirklichkeit hätte Jutta das sofort dekonstruiert. Sobald sie einen sicheren Ort gefunden hatte, machte sie ihn kaputt. Die Sicherheit war

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I Love Karl

Jetzt ist es passiert: Karl Lagerfeld ist gestorben. Es gibt ein paar öffentliche Personen, von denen will man einfach nicht, dass sie uns verlassen. Wir brauchen sie. Dazu gehörte für mich Karl Lagerfeld, genannt der Große. Deshalb fand ich es immer gut, dass er sein Alter nicht preisgab. Wen ging das was an, außer ihn selbst? Sein Leben, seine Kreativität, sein innovativer Style, seine modischen Überraschungen, auch sein Witz und kultivierter Esprit – die gingen uns an. Mich ging vor allem sein kreativer Umgang mit Worten an. „Ich bin spielerisch, aber ich spiele nicht“, sagte KL vor vielen Jahren, und

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Lass uns über den Tod reden – in Villigst

Die Tagung Ars moriendi – ars vivendi: Die Zukunft der Hospizarbeit am Wochenende in der Ev. Akademie Villigst brachte nicht nur inhaltlichen Input, sondern vor allem spannende Begegnungen. Am Freitag Nachmittag machte Henning Scherf den Auftakt (Fortgeschrittenen-WG). Abends sprachen der ehem. EKD-Ratsvorsitzende Nikolaus Schneider und seine Frau Anne Schneider über den frühen Krebstod ihrer Tochter (im Wechsel Tagebucheinträge und theologische Reflexionen: eigene oder Bonhoeffer-Zitate, von dessen Mannhaftigkeit in Sachen Leiden sich die Schneiders vorsichtig distanzierten, was ich sehr sympatisch fand). Am Samstag zwei wirklich tolle Veranstaltungen von Udo Baer, dem Begründer der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, mit dessen Ansatz ich mich noch

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Freie Fahrt …

Montag. Der christsoziale Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer ist wirklich bescheuert genug zu behaupten, die Überlegungen zur Einführung des Tempolimits seien ein Beispiel für „alte, abgelehnte und unrealistische Forderungen“ und ein Vorstoß „gegen jeden Menschenverstand“. Sein Schweizer Amtskollege Moritz Leuenberger kann darüber nur fassungslos den Kopf schütteln. Leuenberger fühlt sich in seiner Funktion als Herr über die Straßen dem 5. Gebot verpflichtet: Du sollst nicht töten. Und so entwickelte er das Konzept „Via sicura“, mit dem es ihm während der letzten zehn Jahre gelang, die Zahl der Unfalltoten in der Schweiz von jährlich 600 auf 100 im ersten Halbjahr 2018 zu reduzieren:

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Tomi Ungerer

Sonntag, B.N. Der, der die Kinder ernst nahm und die Erwachsenen auch, was diese aber manchmal schwer missverstanden, der lachende Philosoph Tomi Ungerer ist gestorben. Lebewohl und Danke, Tomi, für Deine wunderschönen, aufregenden, irritierenden, in jedem Fall bereichernden und unvergessenen Werke. Gute Menschen haben Lieder, gute Menschen haben Bilder und Bücher. Beides hast Du uns (wieder)gegeben. Die Welt ist ärmer ohne Dich.

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Echo

Samstag, B.N. Seit ich Arsène Vernys Geschichte gehört habe, kann ich durchfahrende Züge nicht mehr ertragen. Früher, bis vor zwei Jahren, habe ich Tempo und Wind genossen, wenn ich am Gleis stand und – Achtung, durchfahrender Zug! – da rauschte einer vorbei und verschluckte alle anderen Geräusche unter seinem metallischen Megarauschen. Rausch der Technik, Rausch des Machbaren, Rausch der Macht, unter dem mache ich’s jetzt nicht, um dieses Gefühl wiederzugeben, das ein durchbretternder ICE oder Containerzug mit never ending tausend Anhängern in einem auslösen kann. Wenn die Haare hochfliegen und Kinder die Augen aufreißen und vor Lust schreien, und man

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