Querdurchsland

Donnerstag. „Hab ne schwarze Jogginghose an, schwarzes langärmeliges Shirt, grauen Rucksack und einen schwarzen Koffer … (Smiley) Bist du schon da??? LG Dennis.“ Soweit Dennis‘ SMS. Ich warte in Kiel auf Bahnsteig 6 auf ihn, und da kommt er schon grinsend um die Ecke, ein Anfang zwanzigjähriger, bildhübscher Typ, der mir mit dem Smartphone in der Hand lässig zuwinkt. In Hamburg warte noch ein Pärchen, klärt Dennis mich auf. Dem Namen nach müsste es sich um Chinesen handeln. Das Mädchen trage einen pinken Blumenstrauß und eine giftgrüne Tasche. Und dann sei da noch eine, die sich nicht näher beschrieben habe.

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Schlecht geträumt

Montag. „BITTE, BITTE, dann fangen wir eben wieder beim QUINTENZIRKEL an!“, schreit Jerome, irgendeinen namenlosen, sogar Nickname-losen Musiklehrer aus grauen Vorzeiten zitierend, weil ich ihm nicht zugehört habe (wie er seinerzeit seinem Musiklehrer nicht zuhörte, der dann mit diesem Quintenzirkel-Satz um die Ecke kam, siehe oben). Nicht zugehört, als Jerome sich daran macht, mir irgendwas zu verklickern – Merkel habe was behauptet, Steinbrück was anderes beim großen Kanzlerduell gestern Abend im Fernsehen – , ich habe so schlecht geträumt heute Nacht. Von dem Phantom, dessen Namen ich nicht mehr denken, dessen Gesicht ich nicht mehr sehen, dessen Stimme ich nicht

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Täuschung

Sonntag. Es gibt diese Filme, da wird der Held verfolgt, gehetzt und gejagt von einem oder mehreren Gegnern, bis endlich einer auftaucht, ein Deus ex machina, der helfen könnte und bestimmt auch helfen wird und an den der Gejagte sich von nun an hält. Hoffnung breitet sich aus, seiner grässlichen Lage doch noch zu entkommen, nicht nur bei dem bedauernswerten Helden, sondern auch beim mitleidenden Zuschauer. Und plötzlich kippt was in der Geschichte und du merkst, dass du aufs Glatteis geführt worden bist und der Gejagte auch, aber der merkt es (noch) nicht. Der vertraut weiterhin dem vorgeblichen Freund, der

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Von Büchern und Brötchen

Samstag. Auch der Herbst kennt noch schöne Momente, wimmert Jerome im Tonfall einer Achtzigjährigen. Keine Ahnung, wen er da gerade wieder imitiert, klingt aber überzeugend. Gib mal bitte das Salz rüber, sage ich zu Beret, die mit ihrem Ei schon fertig ist. Grete, tu mir den Gefallen und iss diesen Stinkekäse auf! Beret hat einen Brie de Meaux gekauft, der seit Tagen die Luft im Kühlschrank und in der Küche verpestet, und dann festgestellt, dass sie ihn nicht verträgt. Ich verteile ein Stück von diesem würzigen Rohmilchkäse auf einer Brötchenhälfte. Habt ihr vor, den neuen Hegemann zu lesen?, fragt Beret. Die

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Krankheiten

Freitag. Oh Goooooooooooooooott! Mein Maaagen! Klingt wie der Heilige Stuhl, ist aber Jerome, der ziemlich viel Trüffelschokolade gegessen hat. Wir lesen alle drei die FAZ, diskutieren einen Artikel, der Die Potemkinisierung der deutschen Universität heißt und davon handelt, dass wegen der permanent abverlangten Selbstdarstellung die Professoren in den Produktionsmodus der Unerheblichkeit gezwungen werden. Ich lasse mir das auf der Zunge zergehen. Jerome findet die Formulierung gedrechselt und h.g.g. (hochgradig gestört), Beret stimmt ihm zu. Na ja, sage ich, darauf musst du erstmal kommen … Die beiden gucken mich mitleidig an: Also, ICH muss das nicht, sagt einer von beiden, oder

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Ein Tag in Bremen

Samstag. Wenn du dir die Hände gewaschen hast, darfst du das auch anfassen!, sagt Friedrich. Und, nachdem ich meine Hände unter seinen Augen gefühlte zwei Stunden lang im fließenden Wasser abgespült habe: Welches Handtuch du benutzt, ist egal, deine Hände sind ja jetzt sauber. Kaum verbergen können diese kunstvoll verschlüsselten, geradezu beschwörerischen Formeln seine Not. Unklar ist, wen er mehr beschwören möchte: Mich, doch bitte gründlich zu sein, oder sich selbst, locker zu bleiben. Am liebsten hätte ich ihn in den Arm genommen und gesagt: Ich weiß doch Bescheid, mein Lieber, mach dir mal keine Sorgen. Friedrich ist nervös, weil ich

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Mutterkommentar

Donnerstag. Heute Mittag habe ich ein Telefoninterview mit der freundin!, brülle ich in den Hörer. Seit mein Vater gestorben ist, rufe ich meine Mutter täglich an, da kann einem der Gesprächsstoff schon mal ausgehen. Aber jetzt habe ich was zu erzählen. Die freundin kenne ich vom Friseur!, sagt sie. Ja, sage ich. Und wann kommen die bei dir vorbei? Die kommen gar nicht. Das ist ein Telefoninterview!, brülle ich und sehe durch den Hörer die Enttäuschung das Gesicht meiner Mutter lang ziehen. Am Telefon? Ja. Das ist ja seltsam. Das kenne ich nicht. Und was soll dabei herauskommen?

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Lehmanns aus der Lower Class

Montag. Bodo! Wie geht es dir? Können wir was für dich tun? Was? Ach so. Lies mal vor. Nee, nun übertreib es aber nicht. Solche Fragebögen muss man ja nicht überinterpretieren. Die wollen nur wissen, ob du ein BUSCHERMANN bist. Das ist obligatorisch. Du bist ja nicht der klassische Arbeitslose. Sag mal, das Studium geht am 1. Oktober los? Genauso machst du das! Und wenn’s nicht funktioniert, ist Jammern in der Abteilung TRÄNENDRÜSE angesagt. Ziehste dir abgerissene Schuhe an und guckst wie Tante Astrid. Nech? Jerome gibt den Hörer an Beret weiter. Beret: Na mein Kleiner? Willst du was zu

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Frisch abgepackt

Sonntag. Ich hab die Wurst diesmal abgepackt gekauft. Das ist die GLEICHE wie die an der Frischetheke. Beret hält ein luftdichtes Päckchen Leberpastete durch die Küchentür. Kann ich was helfen?, frage ich. Nee, lass stecken, ich meld mich schon. Es klappert und poltert. Es riecht nach angebratenem Hack. Jonas‘ Lieblingsessen: Hackfleischsoße mit Nudeln. Ich könnte doch mal wieder einen Nachtisch machen. Mit Blaubeeren? Erdbeeren?  Johannesbeeren? Nö, Grete. Das hatten wir doch gestern erst. So viel Gesundes bekommt uns nicht. Oder einen Salat? Nönö, Grete, echt nicht. Oder eine Gemüsesuppe? Grete, dusselige Kuh, jetzt reichts! Manchmal würde ich gerne die Gedanken

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Nomen est Omen

Samstag. Die Leibeigne von Tante Astrid spricht KEIN Wort Deutsch!, sagt Jerome, der sich gerade von einem Telefongespräch mit Tante Astrid erholt. Jonas, schon seit seiner Geburt daran gewöhnt, die Insider seines Vaters erstmal nicht zu blicken, guckt neutral. Es geht um die polnische Betreuerin von Tante Astrid, die in Wirklichkeit nicht Astrid heißt, aber nach Jeromes Meinung so heißen könnte. Jerome beansprucht die  Deutungshohheit und damit die Nicknamehohheit über unsere Verwandtschaft. Grete, Kennst du schon Bruno Busch? Ich starre auf das Babyfoto – rosa Gesicht über blauem Strampler – , drehe es um und bin sprachlos: Der arme Zwerg

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