Achterbahn

Dienstag. Mein Autorenfreund Klemens Ludwig ist gestorben. Ich erfuhr es zufällig, durch eine Nachricht, die ich ihm schrieb und auf die mir sein Schwiegersohn mit der traurigen Mitteilung antwortete. Inhaltlich waren wir in ganz verschiedenen Welten unterwegs, aber mental auf einer Ebene. Wenn es mir schlecht ging, reichte ein Kaffeetrinken mit ihm, und die Welt war wieder in Ordnung. Nachhaltig in Ordnung, das hatte er drauf. Ich bin sehr traurig. Die Welt (und ich) hätten Klemens Ludwig noch gebraucht. Erneute Absage für meinen Roman.  Check und weg, Misserfolge hake ich ab wie nichts. Wenn er irgendwann mal gedruckt werden sollte,

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Tovs Hütte

Sonntag, Eisenach. Das Feuer im Ofen, die sich allmählich wärmenden Wände, die Flaschen und Gläser auf dem wackeligen Tisch und wir auf dem alten Sofa. Als wir gegen Mitternacht die Tür öffnen, stolpern wir in eine dicke, unberührte Schneedecke. Der Schnee rieselt uns auf die Köpfe, und die Wartburgallee sieht aus wie eine Rodelbahn. Bei jedem Schritt knarscht  und knarzt es unter unseren Sohlen. PM heißt in Tovs Stasi-Akte Mao. Das finde ich sehr seltsam. Sie waren pubertäre Jungs und wurden von einem, der ihnen ständig auf den Fersen war, belauert, wie sie an ihren Mofas schraubten, sich besoffen oder

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Seltsame Begegnung

Dienstag. Können Sie mir rüber helfen?, ruft die junge Frau von der anderen Straßenseite mir zu. Eingemummelt in einen mönchskuttenartigen Parka mit übergroßer Kapuze, die ihr die Seitensicht nimmt, den Blick auf mich geklebt, scheint sie keine Sekunde warten zu wollen. Gehen Sie lieber über die Ampel, rufe ich und zeige wild gestikulierend auf die fünf Meter von uns entfernt stehende Anlage. Vielleicht hört sie mich nicht, sie tritt auf der Stelle wie ein ungeduldiges Kind. Schaffe ich nicht. Hab Kreislauf! Sie greift sich dramatisch an den Hals. Indem sie mich weiterhin unerbittlich fixiert, setzt sie bereits einen Fuß auf

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Gehen

Mittwoch. Wenn sie dich so ohne jeden Hintergedanken angucken und einer fragt dann, also wie ist das jetzt, gehen Sie weg, und du sagst, ja, ich gehe weg, und sie gucken so betreten und darauf eine: das ist echt schade, und sie nickt dabei und die anderen nicken auch, dann weißt du, dass du hier viel geschafft hast, weil sie dich sonst nicht jetzt schon vermissen würden. Bei Ihnen war es immer so gechillt, sagt wieder der eine, und ich frage, habt ihr denn auch was gelernt bei mir, so eine richtig doofe Paukerfrage, und sie sagen ja, aber gechillt

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Stoffumwandlung

Montag. Seit Thea nach Göttingen gezogen ist und Dorle nach Berlin, seit Susanne mit ihrem Liebsten monatelang im Bus durch die Welt cruist und meine beiden Lieblingskolleg*innen aus dem „Amt“ entschwunden sind, ist es für mich einsam in Tü geworden. Im März Wiedersehen mit meiner Kamener Schulfreundin Ulrike, die in Freiburg als Musiktherapeutin arbeitet. Mit ihr zu quatschen ist wie ein Ufo besteigen.

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Doppelmoral

Samstag. Die Ukraine soll 40 Marder-Panzer und ein Patriot-Flugabwehrsystem aus Deutschland erhalten. Aus den USA kommen noch weitere Panzer dazu. Wohin diese Spirale eskaliert, kann und will ich mir gar nicht ausmalen. Seit dem Zerfall der UdSSR haben die USA und die NATO-Staaten systematisch Geld und Waffen in die Ukraine gepumpt, um sie als Gegenspieler Russlands groß zu machen. Können sie sich ein militärisches Unterliegen der Ukraine jetzt überhaupt noch leisten? Siegesgewiss verkündete US-Sprachrohr Baerbock schon im Juni: „Die Ukraine muss gewinnen!“ Sind die Karten also längt ausgelegt? Beide Seiten wollen diesen Krieg  für sich gewinnen. Verhandlungen scheinen zum augenblicklichen Zeitpunkt

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Gewalt, AfD und die DB

Donnerstag. Wir haben ein Gewaltproblem. Und dieses Problem ist direkt nach ca. 30 Jahren in der Politik und in den Medien angekommen – dank der Silvesterkrawalle in Berlin, Bonn, Stuttgart, Hannover, Hagen … Die Normalos hat es längst erreicht, weil sie sich im Alltag konkret damit auseinandersetzen müssen: Mit meinen Kindern spielte ich Handlungsoptionen durch, wenn sie mal wieder vom Fahrrad gerissen und nach Geld abgesucht oder später im Stadtpark von Gangs körperlich attackiert oder angepisst worden waren (im wörtlichen Sinn). Es war die Zeit, in der selbst im beschaulichen Tübingen die Jugendlichen auf den Trichter kamen, sich auf dem

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Flickwerk

Mittwoch, Werne. Eine Beerdigung zu organisieren, ist auch eine Form von Abschiednehmen. Seit Montag damit in Werne beschäftigt. Diese Tage haben so viele Aspekte. Ich schwimme mitten hindurch, und so entsteht ein rätselhaftes Flickwerk. Das schäbige teilanonyme Grab, das mein Vater für sich gewollt hat. Die Stelle daneben, die meine Mutter nicht bekommt (zum Glück). Die städtische Friedhofsordnung. Die Bestatterin mit ihrem pausenlosen Geschwätz. Telefonieren mit Bruder und Schwester, wieder und wieder. Terminverschiebungen. Die Lebensklugheit der langjährigen Betreuerin. Der Gang auf die Ämter. Die Blumenhändlerin, die durch mich hindurchsieht. Die Anzeige, die Karten, das Foto für den Altar. Der Spirituosenladen mit

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