Mittwoch. Wenn sie dich so ohne jeden Hintergedanken angucken und einer fragt dann, also wie ist das jetzt, gehen Sie weg, und du sagst, ja, ich gehe weg, und sie gucken so betreten und darauf eine: das ist echt schade, und sie nickt dabei und die anderen nicken auch, dann weißt du, dass du hier viel geschafft hast, weil sie dich sonst nicht jetzt schon vermissen würden. Bei Ihnen war es immer so gechillt, sagt wieder der eine, und ich frage, habt ihr denn auch was gelernt bei mir, so eine richtig doofe Paukerfrage, und sie sagen ja, aber gechillt
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Stoffumwandlung
Montag. Seit Thea nach Göttingen gezogen ist und Dorle nach Berlin, seit Susanne mit ihrem Liebsten monatelang im Bus durch die Welt cruist und meine beiden Lieblingskolleg*innen aus dem „Amt“ entschwunden sind, ist es für mich einsam in Tü geworden. Im März Wiedersehen mit meiner Kamener Schulfreundin Ulrike, die in Freiburg als Musiktherapeutin arbeitet. Mit ihr zu quatschen ist wie ein Ufo besteigen.
WeiterlesenDoppelmoral
Samstag. Die Ukraine soll 40 Marder-Panzer und ein Patriot-Flugabwehrsystem aus Deutschland erhalten. Aus den USA kommen noch weitere Panzer dazu. Wohin diese Spirale eskaliert, kann und will ich mir gar nicht ausmalen. Seit dem Zerfall der UdSSR haben die USA und die NATO-Staaten systematisch Geld und Waffen in die Ukraine gepumpt, um sie als Gegenspieler Russlands groß zu machen. Können sie sich ein militärisches Unterliegen der Ukraine jetzt überhaupt noch leisten? Siegesgewiss verkündete US-Sprachrohr Baerbock schon im Juni: „Die Ukraine muss gewinnen!“ Sind die Karten also längt ausgelegt? Beide Seiten wollen diesen Krieg für sich gewinnen. Verhandlungen scheinen zum augenblicklichen Zeitpunkt
WeiterlesenGewalt, AfD und die DB
Donnerstag. Wir haben ein Gewaltproblem. Und dieses Problem ist direkt nach ca. 30 Jahren in der Politik und in den Medien angekommen – dank der Silvesterkrawalle in Berlin, Bonn, Stuttgart, Hannover, Hagen … Die Normalos hat es längst erreicht, weil sie sich im Alltag konkret damit auseinandersetzen müssen: Mit meinen Kindern spielte ich Handlungsoptionen durch, wenn sie mal wieder vom Fahrrad gerissen und nach Geld abgesucht oder später im Stadtpark von Gangs körperlich attackiert oder angepisst worden waren (im wörtlichen Sinn). Es war die Zeit, in der selbst im beschaulichen Tübingen die Jugendlichen auf den Trichter kamen, sich auf dem
WeiterlesenFlickwerk
Mittwoch, Werne. Eine Beerdigung zu organisieren, ist auch eine Form von Abschiednehmen. Seit Montag damit in Werne beschäftigt. Diese Tage haben so viele Aspekte. Ich schwimme mitten hindurch, und so entsteht ein rätselhaftes Flickwerk. Das schäbige teilanonyme Grab, das mein Vater für sich gewollt hat. Die Stelle daneben, die meine Mutter nicht bekommt (zum Glück). Die städtische Friedhofsordnung. Die Bestatterin mit ihrem pausenlosen Geschwätz. Telefonieren mit Bruder und Schwester, wieder und wieder. Terminverschiebungen. Die Lebensklugheit der langjährigen Betreuerin. Der Gang auf die Ämter. Die Blumenhändlerin, die durch mich hindurchsieht. Die Anzeige, die Karten, das Foto für den Altar. Der Spirituosenladen mit
WeiterlesenLäuft
Dienstag, Werne. Wunderbare Zusage für das nächste Interview … freu mich drauf.
WeiterlesenBunt
Freitag. Zwischen den Jahren diese Tage sind von einem rasenden Wechsel von großartigen und abgrundtief melancholischen Momenten gekennzeichnet. Jubeln und Abkotzen liegen direkt beieinander, der Umschwung passiert oft schneller, als du gucken kannst. Zum Glück überwiegen die großartigen Momente. Betrachte ich den heutigen Tag, komme ich zu dem Ergebnis, dass das vor allem an unserer komplizierten, aber eben auch inspirierenden, weil lernfähigen Patchworkfamily liegt. Zwei Ex-Ehemänner meinerseits, der eine familiär präsent, der andere nurmehr als Schatten, mein höchst präsenter Lebenspartner PM, Tanten, Schwägerinnen, Cousins, Nichten & Neffen sowie Großeltern im Viererpack machen die Sache dermaßen unüberschaubar, dass die Energie für
WeiterlesenKinder
Donnerstag. Wenn das Lchen und das Tchen sich hinsetzen und jeder eine Liste mit den schönsten Mädchennamen aufschreiben und diese sorgfältig zusammenrollen und auf dem ganzen Weg bis in die Klinik in den Fäusten halten und ihre Listen dann feierlich überreichen, nachdem sie das 16 Stunden junge Baby begrüßt und bewundert haben – dann ist das die schönste Begegnung, die man sich überhaupt vorstellen kann.
WeiterlesenAlle Jahre w…
Dienstag. Heiligabend nun doch nicht zu zweit, sondern mit T., der kurz mal reinschneite (Kind immer noch nicht da), und meinem lieben Nachbarn / Kollegen / Freund W., der auch schon die letzten Jahre mit uns zusammen gefeiert hat. Corona hat für die Umplanung gesorgt, uns war es recht, es wurde ein geselliger, ziemlich verfressener und versoffener Abend (Königspasteten, Rouladen mit Rotkraut und Thüringer Klößen, Orangenkuchen, dreifache Eierlikör-Geschenke, die unbedingt verglichen werden mussten, Sekt von der Saar und zum Finale Grappa und Limoncello aus dem letzten Urlaub). Besonders heilig war uns nicht zumute, dazu ist im Vorfeld zu viel passiert.
WeiterlesenTod Schuld Liebe
Samstag. Meine Mama ist tot. So schwer gelebt, so schwer gestorben. Gestern Mittag erst hatten wir beschlossen, heute, Heiligabend, zu ihr zu fahren und da zu übernachten (so ist PM). Der Plan war, uns in Eisenach zu treffen, und von dort weiter nach Werne. Das Hotelzimmer war schon reserviert, ich hatte eigentlich keine Sorge, zu spät zu kommen. Die Atmung sei noch normal, die Morphiumgabe noch nicht begonnen, hieß es, ich solle nichts überstürzen. Ehe ich das Ticket kaufen konnte, rief mein Bruder an und sagte es mir. Seit beinahe einem Jahr nur noch liegend, hat sie ihren Körper zerfallen
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