Geisterstädte

Samstag. Ahrweiler und Bad Neuenahr sind Geisterstädte. Die Schuttberge vor den Häusern sind beseitigt, die Straßen geräumt. Fast alle Häuser stehen leer. Wo einmal Türen und Fenster waren, gähnen schwarze Löcher. Menschenleer auch die Straßen, nur vereinzelt ein paar Leute, die den Putz von den durchnässten Wänden ihrer Häuser schlagen in der Hoffnung, sich den gewohnten Lebensraum zurückzuerobern. Der Staub auf ihren Kleidern hat dieselbe Farbe wie die Schlammrückstände auf Straßen und Vorgärten. Es gibt keine Geschäfte mehr. Keinen Bäcker, keine Kneipe, keinen Imbiss. Keine Weinhandlung! Wo welche waren, sind die Türen rausgerissen, die Eingänge zugenagelt. Schon fünf Kilometer vor

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Time Goes On

Donnerstag. Die Flutkatastrophe rückt von der ersten auf die zweite oder dritte Seite der Tageszeitungen. Was für die einen als tiefer biografischer Einschnitt, vielleicht sogar als lebenslanges Trauma bleiben wird, verblasst für die Nichtbetroffenen auf dem Hintergrund nachjagender Ereignisse. Die Öffentlichkeit hat sich ausgiebig damit beschäftigt, viel gespendet, nun soll das Leben bitte weitergehen. Über Laschets unpassendes Gelächter während einer Solidaritätsrede von Bundespräsident Steinmeier in einem der Flutkatastrophen-Gebiete und dessen nicht einschätzbare Auswirkung auf die Bundestagswahl im September lässt sich noch eine Weile spekulieren. Tagesaktuelle Ereignisse wie der furchtbare Mord am belarussischen Widerstandsaktivisten Witalij Schischow in seiner Exilheimat Kiew/Ukraine wühlen verständlicherweise

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Overshoot

Freitag. Aktivismus war gestern, jetzt kommt die Depri-Phase.Der Verlust von so vielem, was einem wichtig war, macht etwas mit einem. Mit mir. Obwohl PM weitaus mehr verloren hat als ich, nämlich alles, spreche ich hier ausschließlich aus meiner Perspektive. Die alten Möbelstücke von meinen Eltern, die ihre eigene Geschichte hatten – das Verfrachten des gesamten großelterlichen Hausstandes über die grüne Grenze von Naumburg nach Lüneburg in einem Eisenbahnwaggon, den meine sehr attraktive Großmutter väterlicherseits einem vielleicht schwach gewordenen Eisenbahner abgeluchst hatte –, die nach überstandener Flucht im Lüneburger Haus meiner Großeltern standen und dann plötzlich bei meinen Eltern in Kamen, mit

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Loslassen

Sonntag. Das riesige Loch in der Straße vor PMs Haus ist zugeschüttet. Die zerstörten Rohre bleiben zerstört, Hauptsache, die LKWs kommen durch. Straßenzug um Straßenzug werden die riesigen Müllberge vor den Häusern abtransportiert. Es ist belasteter Müll, wohin bloß mit dem ganzen Zeug? Allmählich erhält die Stadt ihr altes Gesicht wieder, verblüffend, wie schnell das geht, wenn Tausende Hände mitmachen. Mehrere Fernsehsender veranstalten Benefizkonzerte zugunsten der Flutopfer, bei denen Millionenbeträge zusammenkommen, die Hilfsbereitschaft hält an. Gestern erzählt Angelika aus Eisenach, dass ihre Tochter als Helferin in Ahrweiler im Einsatz ist, der Kofferraum bei jeder Fahrt voll mit Sachspenden, die sie

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NOW!

Samstag. Wenn man die Fragen hört, die manche Leute einem jetzt stellen – wie hält man das denn aus, tagelang nicht zu duschen?, oder so ähnlich – dann dämmert mir, dass diese Erfahrung einen für immer von anderen Menschen, die das oder Ähnliches nicht erlebt haben, trennt. Auch PM und Theo werden wohl für alle Zeiten durch das gemeinsame Erleben der durch das geborstene Wohnzimmerfenster hereinstürzenden Flut verbunden sein. Ich habe nicht die geringste Sympathie für verhinderte Urlauber, die jetzt gar nicht schnell genug ihr Geld für ihre im Voraus bezahlte Ferienwohnung im Ahrtal zurückzufordern, die unbedarft ihre nächste Kreuzfahrt

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Freiwillige

Donnerstag. 40 Helfer hat PM zusammengetrommelt, um das Haus leerzuräumen. Wie hast du das gemacht?, frage ich ihn verblüfft. Es ist Mitternacht durch, den ganzen Tag habe ich nichts von ihm gehört.Einzelne haben WalkieTalkies, die mit der Leitstelle verbunden sind. Sie laufen durch die Straßen und fragen, was man braucht, um in kürzester Zeit eine gut ausgerüstete Truppe zusammenzuziehen, erzählt PM und fügt mit direkt hörbarem Grinsen an: „Früher bei uns waren das Dispatcher!“ Sie sind bestens organisiert. Einer ist extra aus Tübingen, ein anderer sogar aus Freiburg angereist – Männer und Frauen aller Altersgruppen, die bereit sind, sich in

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Anpassung

Dienstag. Im Unterricht habe ich heute Besitzlisten anfertigen lassen. Dann die 30-Sekunden-Frage: Was nimmst du mit, wenn dein Haus brennt? Ich müsste korrigieren und Noten abgeben und den nächsten Unterricht vorbereiten. Ich kann mich auf nichts konzentrieren. Mein Gehirn mag keine Informationen mehr, es verweigert den Input … Am Nachmittag kommen liebe Verwandte aus Berlin. Ich zeige ihnen die interessantesten Ecken von Tübingen. Am Abend essen wir im La Canitella wunderbaren Lachs vom Grill. Wir haben uns viel zu erzählen. Wir sprechen dieselbe Sprache. Es kommt mir so surreal vor: Ich sitze hier unter Bäumen am Neckar und lass es

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Zerstörung

Montag, Stoßdorf / Tübingen. Wir fragen PM nach seiner Versicherung. Die meisten Menschen seien falsch versichert, haben wir in den Nachrichten gehört: zwar gegen Elementarschäden, aber kaum jemand explizit gegen Hochwasser. Wer sichert sein Auto, seine Sachwerte schon gegen Flut ab? Auch der alte Kadett, den PMs Vater mir geschenkt hat und den ich nur ein Mal gefahren habe, liegt zerbeult unter einem Baum. PM wäre nicht der Einzige, der alles verloren hat und nichts bekommt. Es ist eine Sache, die ihn momentan nicht beschäftigt. Vorläufig kann er in der Einliegerwohnung von Freunden von Markus unterkommen. Gute Nachrichten – auf

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Bilder im Kopf

Sonntag, Stoßdorf. PM war mit Theo im Raum, als das Haus seltsame Geräusche machte und knirschte und knackte und dann mit einem gewaltigen Schlag die Scheibe zerplatzte und die Wassermassen hereinstürzten. Er kann nicht darüber reden. Die Bilder verfolgen ihn, hindern ihn am Einschlafen. Bilder, die das Leben verändern. Die einen vielleicht ein Leben lang begleiten. Ungefähr wie in The Day after Tomorrow – nur in echt! Ich kann nicht glauben, dass ich dabei war, sagt PM. Zwei Nächte hat er in dem abgesoffenen Haus verbracht, ja auch die zweite. Der Rettungsdienst hatte sich zwar angekündigt, war dann aber nicht

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Zeichen eines ganzen Menschenlebens

Samstag, Stoßdorf. Anne holt mich in Siegburg vom Bahnhof ab, und wir fahren durch zähe Staus direkt nach Ahrweiler. Am Haus parken geht nicht: alles ist aufgerissen, und was von der Straße übrig ist, bedeckt eine an den Rändern meterhohe Schlammschicht. Wir fädeln uns in den rutschigen Autokorso, bis wir eine winzige Lücke beim Getränkemarkt finden. Überall liegen zertrümmerte Autos im Schlamm, die jedoch von den funktionierenden Autos kaum zu unterscheiden sind wegen des unvorstellbaren Drecks.Spaten raus, Gummistiefel an, und schon nach wenigen Metern durch die Matsche sehen wir so verschmiert und bespritzt aus wie alle hier: Workers in action. Vor

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