Zwänge

Freitag. Mein Lieblingsgrieche ist weg. Ist irgendwo anders hingezogen, wo die Mieten erschwinglicher sind, das ist so ein typisches Tübingen-Problem: die völlig gaga Mieten. Das Meze ist eines von vielen Coronaopfern, die sich in der Innenstadt schon längst bemerkbar machen. Alteingesessene Geschäfte geben auf, weil sie im Lockdown die Mieten nicht zahlen können, die Läden stehen leer, die Vermieter vermieten lieber gar nicht, als dass sie die Miete stornieren, und noch lieber übergeben sie ihren Raum an zahlungskräftige Ketten oder Geldwäsche-Unternehmen wie diese dubiosen Friseure und Nagelstudios, wo die Sessel noch in Folie eingepackt sind, weil sich sowieso niemals ein

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Inge Auerbacher

Mittwoch. Für mein neues Buchprojekt hatte ich die Ehre, die New Yorker Holocaust-Überlebende, Buchautorin und Biochemikerin Inge Auerbacher zu interviewen. Gerade jetzt empfinde ich ihre Lebenszugewandtheit und ihre Lebenskraft als großes Geschenk und als persönliche Bereicherung.

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Ausgangssperre

Dienstag. Jetzt sitze ich noch im „Amt“, meinen Online-Unterricht für morgen vorzubereiten, und hab total die nächtliche Ausgangssperre vergessen. 21.56 Uhr … was machen? Durch menschenleere Straßen schleichen wie ein Verbrecher und womöglich kontrolliert werden – verdammt, da habe ich vielleicht Bock drauf! _________________ *Nachtrag: Alleine spazierengehen ist erlaubt, wusste ich nicht, wie großzügig, danke, lieber Gesetzgeber

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Politisch ungeimpft

Samstag: Die Spatzen pfeifen es von den Dächern: Die Wirksamkeit des russischen Impfstoffs Sputnik V wird kaum noch bestritten. Doch die EU weigert sich ihn zu bestellen. Zu mächtig sind die Bedenken, Putin damit zu einem Imagegewinn zu verhelfen. Trotz der EU-Bestellungen von 2,6 Milliarden Impfdosen bei sechs verschiedenen Herstellern ist zu wenig da. Entweder sind die Präparate noch gar nicht zugelassen oder noch nicht produziert. Warum die EMA-Zulassung des russischen Impfstoffs sich dermaßen in die Länge zieht, obwohl die halbe Welt schon damit geimpft ist, darüber kann sich jeder seine eigenen Gedanken machen. Das Zulassungsverfahren läuft seit Anfang März.

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Tübinger Modell

Freitag. Finito mit dem Tübinger Corona-Modell! Ab nächste Woche ist es wegen der Bundesnotbremse beendet. Diese besagt: Ab einer Inzidenz von 100 wird das öffentliche Leben runtergefahren, ab 165 auch Schulen und Kitas. Im Landkreis liegt der Inzidenzwert derzeit bei 240, während er in Tübingen bei 91 steht. Warum müssen Geschäfte, die Gastronomie, Theater und Kinos wieder schließen, wenn der Anstieg im Vergleich nicht höher ist als in anderen Landkreisen? Wenn der Wert in der Stadt sogar deutlich niedriger ist, was doch für das Modell spricht. Das ist unlogisch. Ich kann die politischen Entscheidungen nicht mehr so ganz nachvollziehen. Als

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Coronatest

Mittwoch. Ja kloar! Wenn wir online-Seminar haben, mute und game ich. Machste auch so, oder? Muten – ich lasse mir das Wort auf der Zunge zergehen. Der Typ ist Student, er jobbt als Corona-Tester und entertaint mich mit seinen Anekdoten, während er das Stäbchen in meiner Nase herumdreht. Was ich bei Online-Konferenzen wirklich nebenher mache, erzähle ich ihm lieber nicht – weniger gamen, eher Küche putzen. Er ist fertig, das Glasröhrchen mit meiner Probe muss jetzt 20 Minuten warten. Ich feiere das krass, wie Sprache mitgeht. Sich im Rhythmus der gesellschaftlichen Ereignisse entfaltet, neue Blüten treibt, immer lebendig – sogar

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Danke

Dienstag. Heute nach der Stunde kommt einer und bedankt sich für meinen „tollen Unterricht“. Ich habe ihn seit drei oder vier Jahren, ich kenne ihn und er mich. Er ist schlecht drauf, wie wir alle, vielleicht noch ein bisschen schlechter, die Seelen sind wund und liegen offen und man hat nichts zu verlieren und redet ungeschönt über sich selbst. Ein schöner Moment. Das zählt auch.

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Corona Diary – Coronatotengedenktag

Sonntag. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier gedachte heute der 79.971 Corona-Toten in Deutschland. Bei der Feierlichkeit in Berlin rief er zum Zusammenhalt auf: „Ihr seid in Eurer Trauer nicht allein“, versicherte er den Angehörigen. Genau dieselben Worte wurden in ungezählten Gottesdiensten nachgebetet.Was für eine erschütternde Lüge! Was für eine erschütternde Heuchelei. Da sitzen sie alle in Schwarz, und am Abend sitzt die gleiche Riege bei Anne Will, immer noch in Schwarz, und lässt die Krokodilstränen fließen.Gleichzeitig werden Impfreisen nach Russland, Israel, Serbien u.a. angeboten: Urlaub mit Corona-Pieks für die armen Deutschen, die im eigenen Land keinen Stoff bekommen. Die in ihrer Trauer

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Was zählt

Sonntag. Durch die Pandemie und ihr nicht erkennbares Ende kann man den Bezug zur Wirklichkeit verlieren.Die klare Sicht auf ein Morgen und der klare Blick zurück sind Voraussetzungen zur Standortbestimmung, zum klaren Bezug auf mein Hier und Jetzt. Wenn ich heute, am Sonntag, den 18. April 2021 zurückblicke, sehe ich eine schier unendliche Abfolge von Tagen, in denen ich zwischen wilder Pflichterfüllung und bodenloser Lethargie zerrieben wurde und werde. Nichts ist klar. Und morgen sieht es auch nicht besser aus. Niemals habe ich mich öfter gefragt, wer ich bin, als während der Pandemie. Isoliert von meinen Freunden und von lieben

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