Schöne Welt – oder: Tübingen ist nicht Duisburg

Freitag. Tübingen ist schöne Welt – viel Grün, plätschernde Brunnen, freundliche Straßen, krasser Dialekt, unaggressive Taubenbeseitigung, Radfahrer und Fußgänger, die sich die Gehwege teilen (wobei die Radfahrer Helme tragen), ein Schloss, das über Fledermäuse wacht, ein Fluss, der Boote trägt und in der Sonne glitzert, Kinos, Theater, Straßenmusikanten von hoher Qualität und ein fröhlich grüßender Bürgermeister in Jogginghose. Joggt durch die Haaggasse. Die ist auch so. Spitzwegerisch. Trödel und Bücher hinter den Schaufenstern. Frisches Obst, gen- und giftfreies Gemüse in der Kornblume. Der Friseur steht vor der Tür und guckt die Straße hoch, und dann guckt er sie runter. Wo er

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Heimat I

Donnerstag. „Heimat ist, was allen in die Kindheit scheint und worin noch niemand war.“ (Ernst Bloch) Nichtheimat also, nur eine Sehnsuchtsort: Wo gehöre ich hin? Wo ist meine Ladestation? Das Loch, das nie gefüllte … Sie haben einen großen Schaden genommen, sagt Dr. K., mein unermüdlicher Begleiter seit Monaten, so ernst, dass ich bis in meine alleeverklebtesten Schichten erschrecke. Ist mir gar nicht mehr so präsent, diese uralte Geschichte, murmle ich, ist doch Schnee von vorgestern. Und weiß schon, was er nun sagen wird. Ja ja, sagt er. Das macht er manchmal, so ganz wenige Worte, die einen Vorhang aufreißen,

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Abscheulichkeiten

Dienstag. Es gibt so Unternehmungen, da weißt du genau, es wird richtig unangenehm. Aber du musst da hingehen. Es gibt wirklich keinen Ausweg. So einen Termin habe ich gleich. Genauer: In einer Dreiviertelstunde. Der Ordner steckt schon in meiner Tasche. Da hilft es mir auch gar nichts, dass der in hellem Meerblau erstrahlt. Meerblau mit Sonnenglitzern. Karibik, ganz klar! Palmen, Strand, Wattewolken sind auch darauf zu sehen. Die wattigen Versprechen eines Fotodrucks. Hoffentlich fehlt nichts in den Unterlagen. Bestimmt fehlt was. War bisher immer so. Jedes Blatt dokumentiert eine andere Abscheulichkeit. Da ist der Drang, es einfach wegzuschmeißen, immens. Aber

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Pink Floyd

Samstag, B.N. Was ich liebe: Auf die Location zuzulaufen – dieses Mal die Bonner Harmonie – und bereits auf der Straße von den Bässen eingefangen zu werden, die durch die Mauern in den sanften Frühlingsabend pumpen. Du weißt noch nicht, was dich erwartet, aber du weißt schon jetzt, dass es großartig wird, und in dem Moment blitzen die Straßenlaternen hinter dem Baumkronenblätterwerk auf. Die nachtschwarzen, mit Plakaten und Künstlerfotos überzogenen Wände, die Kneipe in der Ecke, die Kasse, der Stempel auf den Handrücken: die Echoes spielen Pink Floyd. Wir kommen ein wenig zu spät, die Truppe ist schon voll bei

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Franziska Linkerhand

Freitag, B.N. „Ach Ben, Ben, wo bist du vor einem Jahr gewesen, wo vor drei Jahren? Welche Straßen bis du gegangen, in welchen Flüssen hast du gebadet, mit welchen Frauen geschlafen? Wiederholst du nur eine geübte Geste, wenn du mein Ohr küsst oder die Armbeuge? Ich bin verrückt vor Eifersucht … Die Gegenwart macht mir nicht angst … aber deine Erinnerungen, gegen die ich mich nicht wehren kann, die Bilder in deinem Kopf, die ich nicht sehen kann, ein Schmerz, den ich nicht geteilt habe … Ich möchte mein Leben verdreifachen, um nachzuholen, die lange lange Zeit, als es dich

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Kieler Trinktagebuch

Donnerstag, Kiel. Bei Beret: Grappa (Cellini), Linie Aquavit. Kaffee aus der neuen Jura. Neuentdeckung für Nachmittags: Jacobs momente choco Cappuccino. Im Peaberries: Hot Chocolate mit Caramel, Milchcafé Bei City: Eisschokolade Im Kieler Kaufmann (PM ist nachgekommen, zwei Tage wohnen wir im KK): Pro Secco, offener Weißwein, (Silvaner), Campari Im Schwimmbad: Pfefferminztee Im N.i.L.: Campari Bei McCafé: Eiskaffee Im HauptCafé Eckernförde: Eisschokolade Am Hafenkiosk Goldfisch, Schilksee: nichts getrunken, aber: Fischbrötchen „Dänischer Sherry-Matjes“ gegessen (beste Fischbude der Welt, sorry Gosch!)

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Die Holtenauer Straße

Donnerstag, Kiel. Wieder mal in Kiel. Jerome: Leberwurstküsse mag ich nicht. Das muss ich ganz offen sagen. Holtenauer Straße – meine Lieblingsstraße in Kiel Was immer sein muss: Im Peaberries Hot Chocolate mit Caramel oder Milchcafé, dazu Bagel oder Muffin. Alles äußerst schmackhaft! Am besten zu genießen in einem der Standkörbe vor dem Café. Wochenmarkt in Kronshagen: wie aus der Zeit gefallen. Gerüche von Fisch und frischem Brot. Gemüsefarben, Obstfarben. Menschen, die langsam gehen. Ein Bund Möhren für einen Euro. Die Tüte Champignons auch. Schwedenhappen. Krabbensalat. Der Wind jagt die Sonne. Wind gewinnt.

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Variation: Drei Frauen in einer Kneipe

Montag. Schweigend sind wir gewandert, Gunnar und ich, erzählt Nadja. Durch den Wald und dann bis zur Hütte hinauf, Hand in Hand. Im Schlafraum dreißig Matratzen, unsere Kinder, fremde Kinder, Erwachsene, alles durcheinander. Und dann, am nächsten Tag, da sagt er zu mir: „Duhu, Nadjaaa, ich fands totaal schööön mit dir.“ Da hätte ich kotzen können. Versteht ihr das? Ich wollte eigentlich bloß gefickt werden. Versteht ihr? Ich werde jetzt besoffen, sagt Nadja. Mich stört auch Glatze nicht mehr so, wenn er nur einer ist, der mich mal so richtig…. Ich! Will! Einfach! Nur Sex! Die Ouzos. Die setzen uns ganz schön

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Drei Frauen in einer Kneipe

Donnerstag. Fast hätte ich gerade eine riesengroße Dummeheit gemacht. Nur aus Zufall ist nichts daraus geworden. Frustriert wandere ich um den Block, überlege, welche Schlüsse ich jetzt daraus zu ziehen habe, komme zu dem Ergebnis, dass es natürlich besser so ist, dass es nicht geklappt hat mit meiner Riesendummheit, laufe durch die Dunkelheit an einer neuen Kneipe vorbei – Meze heißt sie, helles Interieur, freundliches Licht – als eine Frau von innen gegen die Scheibe klopft und mir zuwinkt. Auch ihre Tischnachbarin winkt jetzt, beide grinsen und wedeln heftig durch das Fenster, springen von ihren Stühlen auf, machen Zeichen reinzukommen.

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Nix kaufen bei Marbello

Dienstag. Ich bringe nur die Auswahl zurück. Ich kauf heut nix, sage ich zu Elke. Sie nickt und nimmt mir die Tüte ab: Hat’s ihm nicht gefallen? Nee, zu geblümt, sage ich. Stellt sich die Frage: Mann oder Kleid zurück? Ich tue entrüstet, während Elke so tut, als räume sie das Kleid bloß schnell an den Kleiderständer. Sie macht das schwer konzentriert, und daran merke ich gleich, so konzentriert kann eine an einem entspannten Samstag Vormittag wie diesem gar nicht sein, wie Elke jetzt scheint, wie sie das Kleid zuerst auf den Bügel hängt und zurecht zieht und dann den

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