Wo sind die Fliegen?

Sonntag. Wenn ich vor dem Einschlafen das Leselicht anmache, dann war es noch im vergangenen Jahr fast jeden Abend so, dass irgendwo im Zimmer plötzlich ein Gebrumm anhob, und das Herz sackte mir in die Hose (welche Hose?), weil ich wusste, dass ich jetzt aufstehen und die Fliege so lange jagen würde, bis ich fliegenlos weiterlesen konnte. Nicht, dass ich sie vermisse, im Gegenteil, sie nerven mich unglaublich. Aber wenn sie direkt verschwinden, ist das auch seltsam, es fühlt sich falsch an. So als hätte ich mir ihr Verschwinden aus der Welt gewünscht, und dann geschieht es und ich bin

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Wieder da

Freitag. Ein brandneuer Sonnenstrahl bricht durch die Ritzen des Rollladens, und ich merke, ich bin wieder zuhause. Kein Wellenrauschen, keine kühlen Fliesen unter den Füßen, keine frische Ananas und Cappuccino zum Frühstück. Sondern meine eigenen vier Wände, und die vielen unerledigten Sachen kreisen und kreisen schon wieder in meinem Kopf wie ein Karussell. PM ist noch mitten drin im Traum, verarbeitet vielleicht gerade die zehnstündige Rückfahrt mit Staus zum Abwinken und zwei, drei Beinaheunfällen und dem Ritt über den Gotthardpass und etwas später kreuz und quer durch Zürichs Wohngebiete, weil die Navy-Lady sich das so ausgesucht hat für uns, um

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Erdbeermond

Da kapieren wir im ersten Moment nicht: Geht die Sonne im Meer unter oder der Mond auf? Dicht überm Horizont hängt dieser viel zu riesige, viel zu orangene Ballon, während aufgeregte Menschen den Strand säumen, um das Himmelsdrama zu beobachten und mit ihren Smartphones zu bannen. Also eindeutig Mond: Er steigt. Von Minute zu Minute wandert er ein winziges Stück höher und wird dabei leider auch kleiner und sein Licht heller, und nach einer Stunde, wir sitzen inzwischen in einer Bar am Straßenrand, sieht er schon beinahe aus wie immer. Jetzt ist er wieder normal, sagt Anne. Wir stellen allerlei

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Gutes Signal

Mittwoch, Diano Marina. Die Pläne der EU-Kommission, Atomenergie und Gas als „nachhaltig“ einzustufen, sind im Europaparlament auf Widerstand gestoßen. Die federführenden Ausschüsse für Umwelt und Wirtschaft stimmten am Dienstag in Brüssel gegen die Aufnahme beider Energieformen in die sogenannte grüne Taxonomie. Von der Leyens Behörde hatte Anfang Februar vorgeschlagen, neben Wind oder Sonne künftig auch Atomenergie und das fossile Erdgas in eine Liste nachhaltiger Energiequellen aufzunehmen. In der Berliner Ampel-Koalition treten vor allem die Grünen gegen das Nachhaltigkeitssiegel für die Atomkraft ein (wäre auch ein Witz, wenn nicht). Die Einstufung von Gas als Übergangsenergie (in Zukunft vom guten Araber statt

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Themawechsel

Dienstag, Diano Marina. Durch die Wolkendecke schimmert er bruchstückhaft, zeigt sich scheibchenweise wie eine rätselhafte Diva, ehe nach einer Ewigkeit sein volles Rund vom Himmel leuchtet. Breitet dahinten auf dem Meer seinen Goldteppich aus wie eine Einladung, mit dem Champagnerglas in der Hand dem Horizont entgegenzuschreiten. Der Nachtwind tut ein Übriges, der salzige Geschmack auf den Lippen, das ferne Lachen von Kindern auf Trampolins, das rhythmische Aufschlagen der Wellen. Auf dem Tisch: Brot, Käse, Schinken, Sekt, Tomaten, frisches Pesto, Limoncello natürlich und ligurische Teilchen. Wir sitzen zu viert auf unserer Terrasse – Anne, Jacek, PM und ich –, lecken uns

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Oleander, Bougainvillen …

Sonntag, Diano Marina. Nach dem  Marsch von Diano Marina nach Cervo und dem Aufstieg über hunderte von Treppenstufen fühlen wir uns üppig belohnt: Die Chiesa di San Giobanni Battista, umrahmt von violettfarbenen Bougainvillen auf der einen und dem bleigrauen Meer auf der anderen Seite. An den Biergläsern perlt das Wasser herab, im blassen Abendlicht streicht uns der Sommerwind über die Arme, mischt sich ins Grün der Bäume und in die fuchsiaroten Oleanderblüten am Straßenrand.  

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Glück ist …

… zu wissen, was dich am Abend erwartet und dass es dasselbe ist wie am Abend davor. Der penatenblaue Himmel, die sattgrünen Blätter des Gummibaums, das Rauschen der Wellen, das Weiß der ausgebreiteten Möwenflügel … unverändert, wie vor vier fünf, sieben Jahren in einer veränderten Welt. Amrita von Banana Yoshimoto auf dem Liegestuhl – und wenn ich runterschaue, sitzt da PM mit seinem Buch und später, wenn ich wieder runterschaue, sitzt er immer noch da (Freitag, Diano Marina)    

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Amokroutine

Donnerstag. Er sei „tief betroffen“, sagt Bundeskanzler Scholz: Von der „grausamen Amoktat“ in Berlin. X-mal gehörte Satzbausteine. Wir haben ja mittlerweile Routine in Sachen Amokfahrt / -lauf: Diesmal also eine Reisegruppe. Eine Lehrerin wurde getötet, 29 Personen, hauptsächlich ihre SchülerInnen sowie ihr Kollege, wurden schwer verletzt. Die aktuelle Gruppe befand sich auf Klassenfahrt in die Bundeshauptstadt, wie es Hunderte von Schulklassen gerade machen, seit das Reisen wieder erlaubt ist. Scholz auf Twitter: „Wir denken an die Angehörigen der Toten und an die Verletzten, darunter viele Kinder. Ihnen allen wünsche ich eine schnelle Genesung.“ Schnelle Genesung? Diese SchülerInnen – wie sämtliche

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Blickwinkel

[…] Die Ereignisse und Entwicklungen der letzten 100 Tage, die quälenden und widersprüchlichen, teilweise schier inflationären Medienberichte, Talkshows und propagandistischen Elaborate der Kriegsparteien und deren Gefolgschaften tragen bedauerlicherweise dazu bei, dass eigene Befindlichkeiten und Stimmungen eine wirkliche und bleibende Orientierung nur schwer zulassen. Es wirkt streckenweise wie eine Zerreißprobe, die alles, was sich in den letzten 30 Jahren zu entwickeln schien, nicht nur infrage stellt, sondern komplett auf den Kopf stellt. Die hin und her wogenden Diskussionen, wer an der Apokalypse des Krieges welche Schuldanteile trägt, wird für mich streckenweise unerträglich und absurd. In dem Wirrwarr aus Fakten und Pseudo-Fakten

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