Realsatire überholt „Satire“

Montag. Erst wünschte sie sich alle Polizisten auf die Müllhalde, nun stehen diese in beschützender Absicht vor ihrer Tür: Hengameh Yaghoobifarah, Autorin der heiß diskutierten „taz“-Kolumne, sucht nach Rücksprache mit ihrer Chefredaktion Schutz durch die Leute, die sie gestern noch entsorgen wollte. Realsatire …

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Corona Diary / Wenn …

Sonntag B.N. Sonne, im Garten liegen, ein Abend im Bell’s mit der üblichen Truppe, an der Ahr spazieren gehen, PM kocht, ich korrigiere, was jetzt ganz entspannt zugeht, weil es nicht mehr so viel ist. Klausuren über den Stoff, der während der Coronakrise online vermittelt wurde, sind verboten. Zum Glück habe ich mit Lesetagebüchern gearbeitet, die korrigieren sich wunderbar. Das sind direkt kleine Kunstwerke, echte Perlen darunter. Man bekommt einen Eindruck davon, was Lernen ohne Zeitdruck ist. Wie es sein könnte … wenn alles ganz anders wäre …

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Frust in Stuttgart

Donnerstag. „Das hat uns gerade noch gefehlt!“, wettert Old Kretsche am Tag danach. Stuttgart hatte seinen ersten Straßenkampf, wenn man es so nennen will und wie man es sonst eher von Berlin kennt. In der Nacht zum vergangenen Sonntag waren Polizeieinheiten aus dem ganzen Bundesland beordert worden, um der Lage Herr zu werden.In den 2010ern musste ich zwei Jahre lang zweimal im Monat abends durch die Stuttgarter Innenstadt laufen: Vom Literaturhaus zum Bahnhof. Die sog. Partyszene gab es schon damals. Hunderte von jungen und nicht mehr so jungen Männern hockten am Boden, auf Treppen und Blumenkübeln, gaben sich die Kante,

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Corona Diary / Ellenbogencheck

Mittwoch. Der Stapel Ausgedrucktes für die Recherche. Der Fragenkatalog. Die Technikbox. Neue Batterien fürs Mikro. Mitbringsel. Nervosität: Wie ist diese Person, und wie weit lässt sie sich auf meine Fragen ein? Morgen geht es wieder los, morgen werde ich es wissen.Gestern war die Aufzeichnung beim Schwäbischen Tagblatt, werde ich sie mir anschauen? Eher nicht. Selbstschutz vor Selbstkritik …Apropos Selbstschutz: Man hat sich, so scheint es, an die Selbstisolation, an die Entfernung, an den Ellenbogencheck gewöhnt. An den Abstand, den großen Bogen, der manchmal fast etwas Kränkendes hat. Hatten wir uns je umarmt zur Begrüßung? Unvorstellbar! Was sind wir für anpassungsfähige

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Corona Diary / Fleisch

Montag. Beim ostwestfälischen Fleischverarbeiter Tönnies wütet das Virus. Die Zahl der Infizierten ist auf 1331 gestiegen. Manche werden stationär behandelt, sechs Personen liegen auf der Intensivstation.Damit – und mit zwei weiteren Hotspots im Bundesland – ist der R-Faktor, auf den wir allabendlich schielen, flugs auf 2,88 geschnellt. Oh Gooott! Der war doch schon bei 0,55. Wie konnte das passieren?Stehen Fleischbetriebe, wie auch Spargel- und andere Erntebetriebe, nicht längst unter besonderer behördlicher Beobachtung? Sind die katastrophalen bis ekligen Wohn- und Arbeitsbedingungen der sog. Werkvertragsnehmer – früher nannte man sie Saisonarbeiter – nicht längst durch alle Medien gegangen? Von den beengten, unhygienischen

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Corona Diary / Arbeiten

Freitag. Bei den abendlichen Spaziergängen mit Christiane oder Mecki halten wir uns auf dem Laufenden. Nächste Woche: Termin bei meinem ersten Interviewpartner für mein neues Buchprojekt. Den die liebenswürdige Christiane mir vermittelt hat. Nächste Woche ist auch die Aufzeichnung beim Schwäbischen Tagblatt für die Reihe „Tagblatt Gutenachtgeschichten mit Tübinger Autoren“. Ich werde aus meinem jüngsten Buch Lass uns über den Tod reden lesen. Im „Amt“ läuft der Betrieb mit angezogener Handbremse. Das ist nicht, was es sein sollte. Geteilte Gruppen, Mundschutz, streng geregelte Ein- und Ausgänge, überhaupt Vorschriften ohne Ende – muss sein, ich weiß ja, nervt aber trotzdem. Einerseits

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Corona Diary / Arm und Reich

Donnerstag. In den USA, Russland, England und Brasilien steigt die Kurve der Covid-19-Toten in dem Verhältnis, wie sie in Europa sinkt. Es sind die Länder mit den größten Unterschieden zwischen arm und reich. Die meisten Toten sind in den Armenvierteln zu betrauern: Schwarze, Inder, Pakistani und Indigene sterben überproportional häufig. Während die ersten deutschen Touristen gestern mit Applaus und großem Bahnhof auf Mallorca empfangen wurden, als wäre es eine Heldentat, in den Flieger zu steigen, sterben in Brasilien so viele, dass die Gräber auf den Massenfriedhöfen der Großstädte vorzeitig geräumt werden müssen, um Platz für die täglich 1000 neuen Coronatoten

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Manchmal

weiß ich nichtob ich Siegerin oder Besiegte binmanchmal weiß ich nichtwas mir bleibtmanchmal weiß ich nichtist der Raum in mir unendlich weitoder unendlich schalmanchmal weiß ich nichtwer zu mir stehtmanchmal weiß ich nichtob ich es in der Hand habeoder ob es mir entgleitetmanchmal weiß ich nichtob du mich hältst oder würgstmanchmal weiß ich nichtwas ein Wort bedeutetzu oft gehört?nie hingehört?manchmal weiß ich nichtob ich kämpfeoder vorübergehe

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Angst

Sonntag, im Zug. Aber manchmal erfüllt mich schon die bloße Tatsache, eine gute Idee zu haben, mit Angst. Weil ich dranbleiben muss. Weil ich selbst die allerhöchsten Erwartungen habe. Weil mein Leben zu kurz ist, Scheiß zu produzieren.

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Corona Diary / Langer Tag

Samstag, B.N. Die Beschwerden haben doch etwas bewirkt: Keine Plexiglasscheibe, kein Mundschutz, keine Aufsicht. Statt 20 Minuten eine volle Stunde. Trotzdem ist es eine deprimierende Angelegenheit. Die alten Menschen ziehen aus der Situation die falschen Schlüsse, fühlen sich terrorisiert und schlagen mit ihren Mitteln zurück. By the Way – außer mir gab es keinen anderen Besucher, die Terminprobleme offenbaren sich im Nachhinein als Fake. Zum Glück ist PM mitgefahren. Die Autobahn wieder fast so voll wie vor der Coronakrise. PMs Besonnenheit, sein Lächeln in den Augenwinkeln … Dabei hat er gerade selbst genug Sorgen. Am Ende wird der Tag noch

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