Corona Diary / Bad Days

Donnerstag, Himmelfahrt. Am liebsten den ganzen Tag eingerollt irgendwo rumliegen und Löcher in die Luft starren. Irrelevante Filme schauen, ohne was mitzubekommen. Das große weiße Rauschen in mir und draußen sowieso. Die Coronakrise holt das Schlechteste aus mir heraus. Das nehme ich ihr übel. Ich habe eine Seite, von der ich bislang nichts wusste. Und die ich nicht mag. Fragt sich, was am Ende dabei rauskommt…

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Corona Diary / Einfache Lösungen

Donnerstag, B.N. Man lernt jeden Tag dazu. Ich auch. Hieß es anfangs, die Schutzmasken bringen nichts, ist inzwischen nachgewiesen, dass das Tragen von Masken das Infektionsrisiko deutlich minimiert. Hieß es anfangs, bei jungen, gesunden Leuten nehme die Viruserkrankung einen leichten Verlauf bis zur Symptomlosigkeit, sehen wir jetzt Bilder von schwerstkranken jungen Patienten ohne Vorerkrankung auf den Intensivstationen dahinsiechen. Das macht betroffen. Das Virus schlägt Haken, es treibt Virologen zur Weißglut, es verschlägt profilierungssüchtige Länderchefs auf unverantwortliche Individualwege, es ist nicht so, wie wir anfangs dachten. Das Wissen muss täglich neu justiert werden. Damit haben wir ein Problem, Menschen bevorzugen einfache,

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Corona Diary / Spielregeln

Sonntag, B.N. Vernon Subutex von Viginie Despentes ist erst nach 50 Seiten zu ertragen, bis dahin stolpert und holpert man durch das Elend der Vorgeschichte, und ab S. 50 ist es zwar auch ein Elend, aber eins der literarischen Meisterklasse: Der soziale und finanzielle Crash eines aus der Gesellschaft Gefallenen, der Unterschlupf sucht und dabei den am Rand des Abgrunds vor sich hin agierenden und palavernden Kaputtnicks einer moralisch verkommenen, verlogenen, zutiefst verunsicherten Gesellschaft begegnet. Beziehungsweise ihnen auf die Nerven fällt, das Leben geht weiter und die Spielregeln haben sich unwiderruflich geändert.Gestern in Eisenach gewesen. Den guten Beelitzer Spargel mitgebracht

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Peinliches Deutschland

Samstag, B.N. Manchmal ist es peinlich, Deutsche zu sein. Zum Beispiel jedes Jahr wieder am 8. Mai, dem „Tag der Befreiung“ oder „Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht“ oder „Tag der Beseitigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ – der Tag hat bei uns nicht mal einen richtigen Namen. Und das, obwohl Richard von Weizsäcker schon 1985 dazu aufrief, ihn als „Tag der Befreiung“ in seiner historischen Bedeutung zu würdigen.Während Russland den 9. Mai als Tag des Sieges feiert und seinem diesjährigen 75. Geburtstag eine coronabedingte Luftparade widmet, um der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen, legt Kanzlerin Merkel

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Corona Diary / Das Virus und der Kampf-Jet

Sonntag. Während ein Virus namens COVID 19 gerade die ganze Welt in eine globale Interessen- bzw. Leidensgemeinschaft verwandelt, ordert Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem US-Amtskollegen Mark Esper 45 F-18-Jets des amerikanischen Herstellers Boing als Ersatz für die altersschwachen Tornado-Jets der Bundeswehr. Offensichtlich hat sie die Gunst der Stunde genutzt. Alle Welt starrt auf die Coronakrise, AKK schafft Tatsachen.Die US-Kampfbomber wären dann wie bisher die Tornado-Maschinen in der Lage, in Deutschland stationierte US-Nuklearwaffen zu tragen. Sie würden weiterhin – wie das im Fachbegriff heißt – die nukleare Teilhabe Deutschlands in der NATO gewährleisten. Konkret: Deutsche Pilotinnen und Piloten würden im Kriegsfall US-amerikanische

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Corona Diary / Rituale

Samstag. 1. Mai hieß für mich immer, man zieht jetzt bis zum 1. September keine Strümpfe mehr an, lackiert sich die Zehennägel im angesagten Rouge Noir von Chanel und holt die neu geshoppten Sandaletten aus dem Karton – zur Mai-Kundgebung auf dem Marktplatz, wo man sieht und gesehen wird. Das alles ist dieses Jahr ausgefallen. Keiner sieht keinen, und entsprechend sehen die Leute irgendwie nachlässig bis direkt verwahrlost aus. Die Friseure haben seit sechs Wochen geschlossen, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Der immer schnittig frisierte Boris Palmer hat seine Haare abrasiert und trägt seinen Stoppelschädel durch die Talkshows, bei

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Corona Diary / … erkämpft das Menschenrecht

Freitag. Trübsinnigster 1. Mai meines Lebens. Keine Kundgebung, kein Marktplatz, keine Internationale. Nur am Abend Spaziergang mit Mecki als Tages-Highlight. Mecki ist tierisch erbost über die staatlichen Corona-Vorgaben, respektive Kontaktsperre und Versammlungsverbot, die sie als Eingriff in ihre bürgerliche Freiheit empfindet und durch die sie ihre Menschenwürde aufs Spiel gesetzt sieht.Manchmal wäre sie froh, wenn sie sich infizieren würde, sagt sie. Dann könnte sie die Fesseln der behördlichen Maßnahmen endlich abwerfen. Sie mailt ununterbrochen Petitionen an Jens Spahn und Susanne Eisenmann. Sie beantragt die Öffnung aller Einrichtungen, insbesondere des „Amtes“. Aber auch noch vieles mehr. Kurzum: Sie beantragt die Wiederbelebung

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Corona Diary / Gesammelte Worte

Donnerstag. Wer über Lockerungen der Corona-Maßnahmen nachdenkt, muss auch darüber nachdenken, wie viele Tote das kosten darf. (Prof. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut). So einfach, so brutal ist die Rechnung. Man hat kein Ewigkeitsgefühl mehr. Das brauchst du aber, um kreativ zu sein. Sagt Susanne. Nichts macht mehr Spaß, sagt Tobi. Ich kenne da einen, der hat dein Buch fast auswendig gelernt. Er will von dir wissen, warum es ihn so bewegt. Seinen Namen sag ich dir noch nicht, er ist ein Hidden Champion unseres Landes. Vielleicht sogar einer für dein nächstes Projekt? Sagt Christiane. Wow! Da trifft man

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Corona Diary / Masken und Müll

Dienstag. Niemand da. Im leergefegten „Amt“ hallen meine Schritte nach. Saubere Gänge, saubere Toiletten, nur ein paar Leute vom Leitungsteam hocken vereinzelt in ihren Büros hinter weit geöffneten Türen. Alles anders als sonst. Wir schielen uns über unsere Atemschutzmasken an – Woher hast du die? Wow, die nähen welche? Hätte auch gern eine davon – und freuen uns. Ah, ein Mensch, was für ein schöner Anblick. Hallo!, wie geht’s? Toller Rock! Kommst du klar? Na ja, geht so. Meine Unsicherheit in Sachen Arbeiten in Coronazeiten – deswegen bin ich hier – wird mir ganz schnell genommen. Ich mache alles richtig.

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