Corona Diary / Karzeit

Karfreitag. Heute ist Karfreitag, und ich muss an die Menschen denken, die in den Krankenhäusern und Altenheimen sterben, ohne dass sie ihre Liebsten nochmal sehen dürften. Und die sie. Das Besuchsverbot gerade in Altenheimen und Krankenhäusern verlangt den Todkranken genau wie den Angehörigen Unmenschliches ab. Mit meiner Mutter telefoniere ich gerade täglich, manchmal mehrmals. Sie ist verwirrt, verwechselt Zeiten und Menschen, eine Sekunde später zeigt sie mit einer Frage oder Bemerkung, dass sie hervorragend über die Coronakrise informiert ist. Ihren Zustand führe ich auf die unerträgliche Vereinsamung zurück. Sie gehört zu den Ausnahmen, die in normalen Zeiten noch Besuch bekommen

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Corona Diary / Hoffen auf danach

Gründonnerstag. ‚Shutdown‘ bzw. ‚Lockdown‘ haben m.E. beste Chancen, Wort des Jahres zu werden.BMW verlängert den Prokuktionsstop bis Ende April. Zudem prüft der Autokonzern aktuell, ob die Produktion medizinischer Schutzmasken möglich sei. Der Auftakt der Spargelernte kann nun doch starten. Das Problem, wie die ca. 20.000 gebuchten Erntehelfer aus Rumänien, Polen und Bulgarien trotz Reisebeschränkung ins Land kommen können, ist gelöst: Heute sollen sie mit Eurowings-Sonderflügen auf den Flughäfen Düsseldorf, Berlin und Baden-Baden eintreffen. Den Überführungsprozess hat die Bundesregierung an die Bauernverbände delegiert. Sie buchen ihre Einsatzkräfte auf die Flüge und zahlen auch die Flugpreise. Wie das sonst gehandhabt wird, weiß

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Corona Diary / Bald

Dienstag. Es gibt kein Thema außerhalb von Corona. Das Virus drängt sich fies in den Vordergrund, jeder Versuch es auszutricksen scheitert kläglich. Genauso geht es mir mit den ohne Frage ehrenwerten Optimismusversuchen einiger Leader aus Politik, Geisteswissenschaft und Kunst. Sie überzeugen mich nicht, auch wenn ich es gerne hätte. Allen voran Matthias Horx in seiner Future-Mind Kolumne. In der postcoronalen Zukunft scheint er die Auferstehung und die nach christlicher Tradition damit einhergehende Wandlung einer verdorbenen Kapitalismusgesellschaft in eine Gemeinschaft von geläuterten Seelen aufleuchten zu sehen: „Die Welt as we know löst sich gerade auf. Aber dahinter fügt sich eine neue

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Corona Diary / Input

Sonntag. Die Agonie durchbrochen: Berliner Agentin wg. neuem Buchprojekt kontaktiert. Schlimme Nachrichten ihrerseits: Buchmarkt unter Coronakrise zusammengebrochen. Alle Neuerscheinungen vom Frühjahr auf den Herbst verlegt – wenn überhaupt … Amazon plane, sich aus dem Buchgeschäft zurückzuziehen, and so on and so on.An meinem Projekt ist sie trotzdem interessiert, ich müsse allerdings vorab liefern. Also nicht bloß klangvolle Namen von potentiellen Interviewpartnern vorlegen, sondern Zusagen sowie ein aussagekräftiges Kapitel. Okay, ich lege los. Ganz bestimmt lege ich bald los … Mittags mit Mecki ins Grüne geradelt. In den letzten Tagen haben wir uns öfter zum Spazierengehen und Quatschen getroffen. Wenn wir

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Corona Diary / Unverletzlich

Freitag. Im Land der unbegrenzten Möglichkeiten gibt es keine Atemschutzmasken mehr für das Krankenhauspersonal. Derweil steigt die Zahl der positiv Getesteten rasant an: allein im Bundesstaat New York innerhalb eines Tages um mehr als 10.000 auf insgesamt 102.863 und die Zahl der Toten um 562 auf fast 3000. Man sieht Bilder von weinenden Krankenschwestern und verzweifelten Ärzten, die auf die Straße gehen und von katastrophalen Missständen in ihren Kliniken berichten. Auf der heutigen Pressekonferenz des Weißen Hauses über die Coronakrise verkündet Cowboy Trump, dass Amerika, also er, die Lage unter Kontrolle habe. Nebenbei freut er sich über seine Popularität auf

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Corona Diary / Themenwechsel

Sonntag. Die USA haben Venezuelas Immer-noch-Staatschef Maduro wegen Drogenhandels und Geldwäsche angeklagt und ein Kopfgeld von 15 Millionen Dollar für Informationen – oder am besten gleich für Maduro selbst – ausgelobt. Trump und Pompeo haben sich die Cowboystiefel angezogen und machen Außenpolitik in Wildwestmanier. Das venezolanische Regime sei in Kriminalität und Korruption verstrickt, wird US-Justizminister William Barr zitiert; Maduro kooperiere mit der kolumbianischen Farc, um die USA mit Kokain zu überschwemmen und zu vernichten.Regimechane per Strafanzeige? Maduro ist jetzt also vogelfrei, ein Gefangener im eigenen Land, während sich die USA als Bewahrer von Recht und Demokratie aufspielen. Fragt sich, wann

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Corona Diary / Regeln

Samstag. Am Abend kommt PM. Kommt rein und hält den Sicherheitsabstand ein. Was soll das?, frage ich. Ich fühle mich dermaßen abgewiesen, dass ich schnell die Treppe hochgehe. Er möchte den Schutz, den T. um mich aufgebaut hat, nicht auf einen Streich zunichte machen. Aha. Nebeneinander, mit 1,5 Meter zwischen uns, stehen wir da und halten uns am Geländer fest. Die Stimmung ist im Eimer. Im Kopf ist das Argument angekommen, das Herz erreicht es nicht. Ich habe gekocht, Ratatouille mit Süßkartoffeln und Veggie Cevapcici. Schmeckt gut, bis auf die Cevapcici. Die sind ungenießbar. Ich hole das Geschenk hoch, aber

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Corona Diary / Träume

Elektronische Übermittlung von Lernstoff heißt Reduktion auf das Wesentliche. Heißt Verschriftlichung von allem, was sich sonst im Dialog entwickeln kann. Heißt nächtliches Schreiben, weil Coronatage alles auf den Kopf stellen. Barock, Vanitas-Stillleben, Rico, Oskar und die Tieferschatten, der Abriss der Psychoanalyse und der Trafikant bevölkern meine Träume.

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Corona Diary / Fernbeziehung

Donnerstag. Fernbeziehungen sind so ein Zwischending. Du hast jemanden im Kopf, aber wenn es hart auf hart kommt, nicht an deiner Seite. Sie sind ein Abstandhalter, sie halten dich vom Alltag ab. Wäscheberge, schlechte Laune, liebloses Outfit siehst du selbst, aber der andere nicht. Deshalb sind Fernbeziehungen so ein bisschen Fake. Sie sind die ewige Sonnenseite: Wochenende, Urlaub, Telefongespräche. Auf Dauer ein bisschen schizo. Fernbeziehungen entstehen meistens durch äußere Bedingungen. Vielleicht passt das anfangs so mit dem Abstand, wenn die Sache länger geht, ist er dem Zusammenwachsen jedoch nicht besonders zuträglich. Der Gewöhnung allerdings auch nicht. Wie ist doch die

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Corona Diary / Verbote

Mittwoch. Zweieinhalb Stunden geschlafen. Zu wenig Energieverbrauch dieser Tage. Ich habe große Sehnsucht nach dem L.chen und dem T.chen. Das letzte Mal habe ich sie gesehen, als sie die Woche zwischen Weihnachten und Silvester hier waren. Der Spaziergang mit dem L.chen an der Steinlach, der Reweeinkauf mit beiden, das nächtliche Warten auf L. mit dem T.chen auf dem Schoß … Köln ist verdammt weit weg. Zugfahren unmöglich, nachdem ich T. versprechen musste, es nicht zu tun. Was genau ab dem 23. März nach den von allen Landeschefs in einer Telefonschaltung ausgehandelten Corona-Verordnungen noch erlaubt bzw. verboten ist: Im ganzen Land

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