Depri

Dienstag. Alles deprimiert mich: das Wetter, der Virus, der Virusexperte, der seine Meinung geändert hat und heute verkündet, in den nächsten zwei Jahren werden in Deutschland vielleicht 200.000 bis 300.000 ältere und alte Menschen durch COVID-19 sterben (der Satz wurde später wieder gelöscht), die Arbeit, der Weg zur Arbeit, die Kollegin, das Telefon … Dabei ist das Wetter für die geschädigten Wälder genau richtig, der Virusexperte sagt, was er sagen muss, die Arbeit erfüllt mich, der Weg dorthin ist nicht der Rede wert, die Kollegin mag ich meistens, und am Telefon ist der Agent, der sagt: Ihr Roman hat was!

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Katastrophensehnsucht

Samstag. Der Kampfmodus, in dem sich bis vor kurzem noch ganz normale Supermarktkäufer gerade befinden, macht unsere Gesellschaft – hoffentlich nur vorübergehend – zu einer wildgewordenen Horde von Preppern. Klopapier ist das neue Statussymbol, ein Held, wer noch einen Packen erwischt hat. Im Keller aufgestapelte Paletten von Bohnendosen scheinen den Besitzer unverwundbar zu machen. Rette sich wer kann, und der Bohnendosenbesitzer kann! Roh rammt er sich mit seinem vollgepackten Einkaufswagen den Weg zur Kasse frei. Wir befinden uns mitten in der Corona-Apokalypse – was jetzt zählt, sind ausgefahrene Ellenbogen und sonst nichts!Die Medien heizen die Stimmung mit Schreckensmeldungen im Minutentakt

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Krisenfutter

Freitag. Wenn ich Lebensmittel bunkern würde – ich tu’s aber nicht -, würde ich nicht, wie das Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe empfiehlt, Haferflocken und Milchpulver kaufen. Sondern Paradiescreme. Hält ewig, ist in drei Minuten fertig und du kannst Müsli, Früchte, HAFERFLOCKEN, Schokostreusel, Rosinen und so weiter reintun. Hat wenig Kalorien. Nimmt auch nur wenig Platz weg.Was mich angeht, ich hab noch genug …

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Gut, besser, die Besten

Mittwoch. Wie auch die Jahre zuvor ein voller Erfolg! – Lesung in der Stuttgarter Stadtbibliothek mit meiner Schreibwerkstatt. Wir sind immer die Besten gewesen, hatten immer die interessantesten, vielseitigsten, auch literarischsten Texte. Diesmal aber droht ernsthafte Konkurrenz: von einer wirklich großartigen Gruppe aus Feuerbach. Anstatt verunsichert das Genick einzuziehen, nehmen meine Jungautor*innen in der Pause Kontakt mit den anderen auf, tauschen Daten aus, vereinbaren ein Treffen zwecks gegenseitigem In- und Output. Anerkennung und Interesse statt Missgunst – auf beiden Seiten. Auf der Rückfahrt wird weitergesponnen: Ein eigenes Buch, eine Hör-CD, eine eigene Website sollen aus der Veranstaltung hervorgehen. Den absoluten Medienchecker

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Brauchen

Dienstag. Ja, Mist, bin wieder mal ein armes Opfer des Konsumterrors geworden. Im Vorbeigehen hält er meinen Blick gefangen: dieser abgefahrene Mantel in Animalprint.Was brauchen Sie?, fragt die Verkäuferin, weil ich noch überlege und mich argumentativ vor dem Spiegel winde. BRAUCHEN? Ich lache, sie lacht. Scheiß drauf, ich will den haben! Gestern Abend, mit Steve und G. beim Griechen, habe ich ihn gleich mal an, noch mit Etikett hinten drin. Jetzt riecht er nach Bratfett und kann unmöglich mehr zurück. Auch ein Argument.

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Zahnlos

Montag. Das neue Ökobewusstsein und die neue Nachhaltigkeit, mit denen Konzerne derzeit ihre Werbekampagnen schmücken, sind zu einem Statussymbol geworden für Leute aus der Ober- und oberen Mittelschicht. Wer sein Bewusstsein dahingehend aufrüsten möchte, kann zum Baum-Yoga nach Korfu fliegen oder mit Moms Einkaufs-SUV für ein verlängertes Wochenende und 1350 € ins Öko-Spa an den Tegernsee brettern. So bleibt das Gewissen ungebleicht rein. Deshalb ist es einfach nur großartig, wenn Thunberg den Slogan und die von ihr initiierte globale Bewegung Fridays for Future als Marke registrieren lässt. Nur so kann sie den kommerziellen Missbrauch verhindern, etwa, dass ein Autokonzern ein SUV-Modell

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Suchtzwang

Sonntag, B.N. J. und A. sind zum Abendessen bei uns, A. erzählt vom Tod ihrer Mutter, PM von der Räumung seiner elterlichen Wohnung in Eisenach (die ihm noch in den Knochen sitzt, weniger körperlich als gemütsmäßig). Es geht um Wohnraum, um Geld, um die anstehende Scheidung einer gemeinsamen Bekannten und um sehr viel Geld, das dabei rübengeschoben werden muss oder auch nicht – und J. breitet die Arme aus und sagt: Wir sind glücklich und nicht reich. Dazu finde ich heute eine passende Stelle in einer meiner Lieblingsbibeln: … die Versuche [sind] selten, mit denen … [ein Einzelner danach trachtet],

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Corona

Donnerstag, B.N. Der Coronavirus ist in Tübingen angekommen. Eine Oberarzt des Uni-Klinikums und seine Tochter haben sich infiziert. In den Nachrichten Bilder von der Crona-Klinik, die ich, wenn ich jetzt zuhause wäre, aus meinem Wohnzimmerfenster sehen könnte. Was die neuen Fälle für die Bevölkerung, für mich, bedeuten, wird sich in den nächsten Tagen zeigen. Nichts, sagt PM.

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Freunde

Dienstag, Eisenach. Und abends beim Montagsbier in der Bügelbar (Insider) sagt St. beim Abschied: „Wenn Ihr herkommt, dann weißt du, dass du Freunde hier hast.“ Er lächelt dazu, und die A. guckt lieb und lächelt auch.Das verschlägt mir die Sprache. Wann, wo hat das mal jemand zu mir gesagt? Wer sagt überhaupt so etwas?Die Eisenacher*innen.

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Besprochen

Montag, im Zug. „Ja Hallo, Kilian hier, ich bin gerade unterwegs und wollte mal deine Meinung einholen. Du weißt schon, die Problemkollegin. Also, ich sehe mich langsam in der Rolle des THERAPIEHUNDES der Abteilung! Jeder weiß, dass ich für Kommunikation stehe, ich bin für freundlichen, quasi freundschaftlichen Austausch. Ja, danke, das tut gut! Ich finde es einfach SCHADE, dass sie wegen besagter Sache jetzt so um sich schlägt. Klar, für sie sieht es relativ scheiße aus. Die Situation ist relativ verfahren. Wir sollten uns jetzt alle darauf einigen, emotional runterzufahren. Was so ÄRGERLICH ist: dass manche einfach nicht in der

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