Corona Diary / Metaphysischer Denkzettel

Dienstag. „So eine rasende Entschleunigung ist ganz und gar einzigartig“, schätzt der Jenaer Soziologen Hartmut Rosa das Herunterfahren weiter Teile des gesellschaftlichen Lebens durch die Corona-Pandemie ein. „Historisch ohne Vergleich“, biete „die Super-Verlangsamung des Lebens“ aber auch Möglichkeiten, „noch einmal anders mit sich, anderen und der Welt in Kontakt zu treten“, betont Rosa im dpa-Interview.Allenthalben liest man jetzt diese mehr oder minder matten Versuche, den Drive aus der Depression ins Positive zu bewerkstelligen. Dahinter steckt das menschliche Bedürfnis, der Krise irgendeine übergeordnete Sinnhaftigkeit zuzusprechen: Das Virus als Strafe, als Impuls zum Umdenken …. Schöne Beispiele sind Einkaufs- und Versorgungshilfen unter

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Corona Diary / Eine Prise SF

Sonntag. Ich werde immer passiver. Ich ziehe mich ganz auf mich selbst zurück. Ich vermisse nichts. Wenn ich daran denke, was ich noch vor einer Woche an einem einzigen Vormittag weggeschafft habe, wird mir schwindelig. War ich da verrückt, oder werde ich es gerade? Erwartet unsere „normale“, vor-coronale Leistungsgesellschaft diesen Grad an Verrücktheit? An Selbstausbeutung? An Bewusstlosigkeit?Wird unser als normal empfundenes Hamster-im-Rad-Leben durch den Corona-Virus gerade aus den Angeln gehoben? Manche Philosophen träumen von einem gesellschaftlichen Neuanfang „danach“, gar von einem Aufbruch in eine neue globale Wirtschaftsordnung …Wie jede Woche habe ich meine Wohnung geputzt. Das hat diesmal unglaublich lange

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Corona Diary / Die Ruhe vor dem Sturm

Freitag. Mit Dorle zum Spazierengehen verabredet. Wir genießen die Sonne, die blühenden Bäume längs der Steinlach, quatschen über Gott und die Welt. Dorle achtet auf den von maßgeblichen Virologen empfohlenen Mindestabstand von 1,50 m. Wenigstens hat sie den Zollstock nicht mitgenommen, wie ursprünglich angedroht. Sie bereitet sich innerlich auf ihren Umzug nach Berlin vor. Schon wieder ein Abschied, ich hasse das. PM schreibt: Alles ist völlig entschleunigt. Momentan jedenfalls. Ist irgendwie irre. Die Stimmung in seiner Klinik: Wie die Ruhe vor dem Sturm. Das hört man jetzt allenthalben. Vor lauter Warten hält die Welt den Atem an. Hoffentlich bleibt der

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Corona Diary / Neue Zeiten

Donnerstag. Ich telefoniere gerade viel. Analoge Begegnungen schwierig. Trotz alledem – heute Abend kommt Marcel zu mir, damit wir das Transhumanismus-Paper durchsprechen. Die Veranstaltung vom Deutschlandfunk ist zwar nun erwartungsgemäß abgesagt worden, doch sie wird vielleicht nachgeholt. Noch ist mir diese schräge Thematik mit ihrem schrägen Vokabular präsent, was in einem halben Jahr nicht mehr der Fall sein wird. Kanzlerinrede gestern Abend: Die größte Krise Deutschlands seit dem 2. WK. Abstand ist Fürsorge – dieser Satz hat sich bei mir eingeprägt. Weil Abstand in normalen Zeiten auch Kränkung sein kann. Die Werte ändern sich gerade. Seit gestern sind alle Geschäfte

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Corona Diary / Zwangspause

Mittwoch. Vom seidenweichen Morgenhimmel strahlt gespenstisch weiße Sonne über gespenstischer Stille. Stillstand. Schon acht Uhr durch, kein „Amt“, kein Aufbruch in den Tag. Der elektronische Sound auf dem iPhone signalisiert im Minutentakt neue Nachrichten. Freunde schotten sich mit ihren Familien komplett ab, einer schon seit zehn Tagen. In Wartestellung harren er und seine Frau mit den drei angereisten erwachsenen Kindern im Haus aus. Haus und Garten halten sie auf Trab. Wie lange noch? Warten worauf? Familie zusammen, nicht schlecht, schreibt er und scheint sich selbst zu glauben. Ich fahre meine Sozialleben runter auf Null, sagt Lieblingskollegin S. am Telefon und

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Luftschloss

Mit dem Fingerauf deinen Rücken gemaltI have a plan Und duHow big is your dreamViel kommuniziert wenig gesagtEin Wort ist ein Wort ist ein VertrauenLoyalitätAch dudie Zeit ist reifdie Zeit im Nackenbau mir ein Luftschlossdas blaue Bandflatternd an der Dachrinne We can be herosYou and me

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Corona Diary / Dramatische Entwicklung

Sonntag. Eine Tür nach der anderen schließt sich.Das „Amt“ steht am Montag noch einmal für alle offen – ein einziger Tag, um einen bisher unvorstellbaren Weg für die kommenden fünf Wochen einzuleiten. Ab Dienstag nur noch digitale Wissensvermittlung … Ob es was bringen wird, um die exponentielle Ausbreitung des Coronavirus einzudämmen, kann man nur hoffen, wissen tut niemand nichts: Nach dem heutigen Tag steht fest: Deutschland entscheidet sich für die Shut-Down-Option. Dafür gibt es gute Gründe. Es gibt auch welche dagegen. Das Robert-Koch-Institut hat sich noch vor zwei Tagen gegen präventive Schulschließungen ausgesprochen. Öffentliche Statements von renommierten Virologen liefern bis

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Corona Diary / Es geht weiter

Donnerstag. Leere Straßen, leere Restaurants, leere Theater und Kinos. Als Kulturmensch brauche ich aber diese Dimension des gegenseitigen Austausches. Jetzt schon fühle ich mich eingesperrt und als tue ich was Verbotenes, rauszugehen und mit Leuten zu quatschen. Das Virus ist in unseren Gehirnen angekommen. T. hat mir eine lange Mail geschickt, die mich zum Weinen gebracht hat. Mein wunderbarer Sohn. Nüchtern bringt er die aktuelle Analyse des Robert-Koch-Instituts auf den Punkt, ermahnt mich streng, möglichst in meinen eigenen vier Wänden zu bleiben, findet tröstende Worte für diese Selbstbeschränkung und bietet mir an, für mich einkaufen zu gehen. T. als Sohn

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