Dienstag. Die Unbeugsamen 2 – Guten Morgen Ihr Schönen! lohnt sich. Würde mir die Dokumentation über die Frauenemanzipation der DDR sogar noch ein zweites Mal anschauen. Die Ostfrauen waren uns Frauenbewegten in der BRD ein Leitbild, sie haben immer eine Rolle in den Gedankenexperimenten der Women’s Lib gespielt. Der Film rückt einiges gerade: Auch die Frauen in der DDR waren dem Mann nicht gleichgestellt, erreichten kaum Führungspositionen, erst recht nicht im Regierungskader. Die Protagonistinnen – Katrin Sass, Ulrike Poppe, Amrei Bauer (Tochter der Malerin Annemirl Bauer), die Schlagzeugerin Tina Powileit, Katja Lange-Müller u.v.m. – zeichnen ein Bild von sich und ihrem
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Abwärts statt vorwärts
Dienstag. Zuerst opfert unser hochtalentierter BuWiMi Habeck seine Parteifreund*innen Ricarda Lang und O. Nouripour, jetzt opfern die SPD-Häuptlinge Kevin Kühnert. Beide Vorgänge hinterlassen das ungute Gefühl von Zerbrechlichkeit. Die Regierung aus den Fugen, die Wirtschaft im Abwärtstrend. Es gibt keine ermutigenden Impulse. Es scheint nicht zu funktionieren, die über dem Land wabernde Depression in den Griff zu bekommen. Wie kann eine Partei einen so talentierten, rhetorisch superfitten analytischen Denker wie Kühnert ziehen lassen? Die interessierte, aber unwissende Bürgerin vermutet: Der Job des Generalsekretärs hat ihn komplett verbogen, jedenfalls ist von seinem Alleinstellungsmerkmal, der unbeschwerten großen Klappe, nicht mehr viel übrig.
WeiterlesenDie Elements
Montag. Schöner Film, Element of Crime – wenn es dunkel und kalt wird in Berlin. Warmherzige Doku über die großartige Band vom großartigen Charly Hübner. Wenn ich aus dem Kino komme und mit PM durch das menschenleere Eisenach nach Hause laufe, habe ich Bauchschmerzen vor Heimweh. Frage mich, wann das endlich aufhört …
WeiterlesenÖzdemirs Tochter
Wenn Cem Özdemir in der FAZ eine härtere Asylpolitik fordert, weil seine Tochter und ihre Freundinnen „von Männern mit Migrationshintergrund unangenehm begafft oder sexualisiert werden“ – welches weibliche Wesen noch nicht? – dann werden die meisten sich wundern, wieso es eines persönlichen Familienerlebnisses bedarf, den Mind Change des Bundesministers für Ernährung und Landwirtschaft vor der Öffentlichkeit zu legitimieren. Oder instrumentalisiert Özdemir seine Tochter schlichtweg, um dem abtrünnigen Wähler*innenvolk zu demonstrieren: auch die Grünen sind in Sachen Migration flexibel? Mich nervt der FAZ-Artikel. Meines Erachtens steht Özdemirs schräge Argumentation in einer Reihe neben der ewig gleichen Litanei salbungsvollen Bedauerns und Empörens und
WeiterlesenÜberschätzt
Sonntag. Hab ich Krebs gemacht, rickwärts zurück. J. schildert unter Gelächter seinen Versuch, in den kalten Fluss zu steigen. Gibt es Wolke, sagt er und zeigt besorgt in den Himmel. J. ist einer von den Guten. Mit 18 von Polen in die DDR gegangen, weitergezogen nach Italien und wieder zurück in die DDR (wegen seiner damaligen Freundin und heutigen Ehefrau A.), verweigert der selbstständige Anlagenmechaniker mit akademischem Abschluss sich hartnäckig dem Gebrauch überschätzter Sprachregeln und Kleinwörter. Je mehr Rotwein im Blut, desto kreativer Satzbau und Wortschöpfung. Ist Hund von Nachbar kaputtgegangen, jetzt sehe ich nicht mehr, bedauert er.
WeiterlesenLesen und Schreiben
Samstag. Beim Einschlafen lese ich Das Trio von der unglaublich guten schwedischen Autorin Johanna Hedman. Auf der Terrasse liegt Barbara Noacks „Eine Handvoll Glück“, in Tübingens Straßen ausgesetzter Schmöker im Siebzigerjahre-Look. Und im Wohnzimmer erwartet mich Sally Rooney’s brandneues, seitenstarkes Werk Intermezzo, wenn ich mich abends am liebsten mit einem Kissen unterm Arm auf den Teppich lege. Ich schreibe viel und lese viel. In Thüringen sind gerade die erstaunlich langen Herbstferien, und ich habe unterrichtsfrei. Offensichtlich richte ich mich im Eskapismus ein. Anders sind Selenskis Forderungen nach immer neuen Waffensystemen („… dasselbe, was Israel bekommt!“), dem Rausschmiss von Lang und
WeiterlesenAlles gut
Montag. Ich schreibe. Wenn ich die Varianten eines Satzes oder Wortes gerade nicht zu entscheiden weiß, putze ich bei Radiomusik die Küche, hacke Unkraut aus meinem Beet oder gehe ins Städtchen auf die Post oder Sparkasse oder einkaufen. Manchmal treffe ich mich mit Leuten, die ich kennengelernt habe, zum Kaffee. Dann gehe ich wieder zurück und schreibe weiter, und das Satz- oder Wortproblem löst sich ganz leicht, wie wenn ein Nebel sich aus meinem Kopf verzogen hätte. So könnte ich hundert Jahre leben. Und bin ich ganz bei mir und glücklich. Und darf es auch sein: Meine liebe L. hat
WeiterlesenHeute pünktlich
Mittwoch. Lennart* wartet vorne auf mich. Lächelt vorsichtig und sagt: Ich bin heute pünktlich. Ich freue mich, dass du da bist, erwidere ich und freue mich wirklich. Lennart kommt in der Regel eine Stunde zu spät oder gar nicht. Wenn er dann da ist, sackt er in sich zusammen und hängt wie ein Schluck Wasser in seinem Stuhl. Er kann nicht anders. Seine Körperhaltung drückt die Überforderung aus, die ihn Tag für Tag erwartet. In letzter Zeit habe ich mich oft neben ihn gesetzt und die Aufgaben mit ihm zusammen gemacht. In seiner Muttersprache kann er nicht schreiben, auf Deutsch
WeiterlesenDynamisches Mindset
Donnerstag, im Zug. Die Sommerwärme ist zurück, golden herbstlich eingefärbt. Mein Auge ruht sich auf den vorbeiflitzenden Feldern aus, ich genieße die Vorfreude. Im Koffer brandneues Arbeitsmaterial und die legendären Eisenacher Canaches von Brüheim – nahrungstechnisch ist in jeder Hinsicht für die Schreibwerkstatt heute Abend vorgesorgt. Wenn der Zug nicht jetzt schon 100 min Verspätung hätte, wäre mein momentanes Mindset als uneingeschränkt positiv zu bezeichnen. So wächst die Befürchtung, dass ich den Termin nicht schaffe: die zweistündige Pufferzone ist bereits ausgeschöpft und das stets bösartige Überraschungspaket am Horror-Hbf Stuttgart steht noch bevor. Ich aktualisiere mein Mindset und erkenne die Notwendigkeit, Strategien
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