Regelwerk

Donnerstag. Die Sängerin Ronja Maltzahn darf bei einer Demo von Fridays for Future nicht auftreten: Wegen ihrer Frisur! Dreadlocks bei einer weißen Person seien Ausdruck von kultureller Aneignung, so die Begründung. Allerdings wenn sie sich die Haare abschneide, dürfe sie doch noch auftreten. Ja. Mein Opa wollte auch immer, dass mein Bruder sich die Haare abschneidet: Er sehe ja aus wie ein Gammler. Mit seiner Frise hat mein Bruder – und Millionen andere Männer auf der Welt – sich in den Augen meines Opas mit Outlaws verbrüdert, mit dem schmuddeligen Rand der Gesellschaft. Für einen Abiturienten mit Aussicht auf Studienplatz

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Widerstand

Mittwoch. „Wir sind einer der größten Waffenlieferer (sic!) in dieser Situation“, so die Außenministerin heute vor dem Bundestag, und: noch mehr Strela-Luftabwehrraketen seien auf dem Weg in die Ukraine. „Natürlich geht es mir auch bis an die Nieren“, gewährt Baerbock einen weiteren Einblick in ihre Deutsche-Sprache-schwere-Sprache-Abteilung mit Schwerpunkt Remix von zwei not mixable Redensarten. Wen nimmt sie mit auf ihre „grün feministische“ Waffenrasselreise? Mich als linke, umweltbewusste, feministische Bürgerin jedenfalls nicht. Zum Glück regt sich endlich Widerstand; 600 tolle Menschen aus Kultur, Kunst, Wissenschaft und Politik protestieren gegen die Aufrüstungspolitik der Bundesregierung, darunter auch die wunderbare Sarah-Lee Heinrich. Angeblich sind

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Pest oder Cholera

Montag. Wo können sich Visionen entwickeln, wenn Gedanken, Fragen nur noch hinter vorgehaltener Hand geflüstert werden? Natürlich ist es eine vollkommen berechtigte Frage, wieso Flüssiggas aus Katar besser als russisches Gas sein soll – besser im Sinne der Maßgaben einer wertebasierten Außenpolitik. Die Ölscheichtümer Saudi-Arabien, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate sind für ihre schwerwiegenden Menschenrechtsverletzungen bekannt. Wie Amnesty International bekannt gab, wurden in Saudi Arabien allein in der vergangenen Woche bei der größten Massenhinrichtungsaktion seit Jahren 81 Menschen exekutiert – mehrere davon verurteilt wegen Teilnahme an regierungsfeindlichen Protesten. Nur im Februar 2022 flogen Saudi-Arabien und die Vereinigten Arabischen Emirate

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Angst

Donnerstag. Die Verhandlungen mit Schröder haben die Welt leider keinen Schritt voran gebracht. Es bleibt nicht nur bedrohlich, die Lage wird langsam brandgefährlich. Allem Anschein nach hat sich Putin in Großmachtphantasien verrannt, aus denen es nun kein Zurück mehr gibt. Der Westen glaubt mit seiner Sanktionen-Daumenschraube den russischen Regierungschef zu treffen und trifft in erster Linie die Bevölkerung. Russische Künstler*innen, Wissenschaftler*innen und Sportler*innen werden wie Pestkranke gemieden, als hätten sie den Krieg vom Zaun gebrochen: Ausschluss der russischen Fußballnationalmannschaft von allen Spielen, das Royal Opera House London lässt das Bolschoi-Ballett nicht auftreten, an einer Mailänder Uni soll sogar eine Dostojewski-Vorlesung gecancelt

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Sahararegen

Es regnet, und mein Mantel ist mit braunen Flecken übersät. Was ist das denn, sage ich, und I., die ich am Mittag zusammen mit ihrem Bruder zum Anwalt begleitet habe, sagt: Das ist Sahararegen. Ach, deshalb diese retro Himmelsfarbe. Wir setzen uns in ein Café. Die beiden sind ganz starr vor lauter Unglück und Überforderung. Der Kaffee löst ihre Zungen, den Kuchen rühren sie kaum an. Draußen wird es noch dunkler. Jede Hilfe, jede Hilfseinrichtung ein Lichtpunkt. Ein Familiendrama vom Ausmaß einer griechischen Tragödie, widergespiegelt in der braunen Himmelssuppe.  Die Welt ist irgendwie geschrumpft. Sand aus der Sahara. Ein Virus aus

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Mut

Dienstag. Im russischen Staatsfernsehen gab es gestern während der Nachrichten eine Protestaktion: Eine TV-Mitarbeiterin hielt ein Schild hoch: „Stoppt den Krieg. Glaubt der Propaganda nicht. Hier werdet Ihr belogen.“ Die Sendung wurde abrupt abgebrochen. Hunderttausende hatten es gesehen.

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Danke!

Montag. Seit PM sein Haus in der Flutnacht von Ahrweiler verloren hat, ist er an den Wochenenden bei mir. Früher haben wir uns abgewechselt, doch nun gibt es sein Zuhause nicht mehr, es gibt nur noch meins, und das ist schwer für uns beide. Er hat nichts und ich habe alles. Früher hatte er alles und ich hatte alles auf einem sehr viel niedrigeren Level als er. Dass meins noch da ist und seins alles weg, restlos von der Flut verschluckt bis auf den letzten Eierlöffel, ist hart. Es führt dazu, dass er manchmal ungerecht wird, und ich muss dann

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Blame-Game

Sonntag. In der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 2021 saß PM mit seinem Sohn im 3. Stockwerk seines Hauses und starrte auf ein acht Meter hohes Meer, auf dem Autos und Öltanks fortgerissen wurden, nicht wissend, ob sie hier jemals wieder lebend rauskommen. Zur gleichen Zeit, am frühen Morgen, schrieb die damalige Umweltministerin und stellvertretende Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, Anne Spiegel, eine SMS an ihren damaligen Pressechef Dietmar Brück: „Das Blame-Game könnte sofort losgehen, wir brauchen ein Wording, dass wir rechtzeitig gewarnt haben, ich im Kabinett.“ Während im Ahrtal die Menschen um ihr Leben und Überleben kämpfen, sorgt sich

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Absurdistan

Samstag. Als Bundeskanzler Olaf Scholz am 27. Februar im Bundestag die Zeitenwende verkündete, sorgte er in der Grünen-Fraktion noch für Irritation. Ein einmaliges Sondervermögen von 100 Milliarden Euro für die Rüstung der Bundeswehr? Dauerhaft zwei Prozent der Wirtschaftsleistung für die Landesverteidigung? Harter Tobak für viele Grünen-Politiker und die grüne Basis. Die ehemalige Friedenspartei überdachte also kurz mal ihre Wurzeln – Frieden statt atomarer und konventioneller Aufrüstung, nachhaltige Klimapolitik statt Ausbeutung der natürlichen Ressourcen, Gleichberechtigung statt Diskriminierung – und brauchte nicht einmal drei Wochen, um sich selbst und der Öffentlichkeit den 1. Akt eines beispiellosen Wendehalsigkeits-Dramas darzubieten: „Wir erleben einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg

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