Donnerstag. Zu zweit ist besser als zu dritt. Als allein sowieso. Zu zweit auf einem Dach sitzen, zwischen zwei Schornsteinen, und der Sonne beim Abtauchen zusehen. Zu zweit auf einem Dach spazieren gehen. Tanzen. Kunststücke machen. Fast runterfallen. Sich auffangen. Am anderen festhalten. Zu zweit ist ein ständiges Hinhören. Kann auch nerven. Hin ist von sich weg. Allein ist Herhören, Insichreinhören. Oder: gegen die Stille anhören. Zu dritt ist fremdhören. Das ist schizo, das geht gar nicht. Da lasse ich mir nichts mehr erzählen. Zu zweit erzählen: Was hast du heute gemacht? Und du, was hast du gemacht?Ich habe an
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Abgeschlossen
M: Na super! T: Geht da noch was? M: Was soll da gehen? Zu ist zu. T: Man könnte … M: Was? T: Versuchen … M: Mit Gewalt? T: Gewalt wär eine Lösung. M: Hey, du bist doch sonst so peaceful! T: Ist ja nur gegen Sachen. Nur eine Tür. M: Die ist dann kaputt. T: Ja. M: — T: Aber wir hätten Klarheit. M: Stimmt. T: Also? M: Mach du. T: Wieso ich? M: Du wolltest reingucken. T: Alter, als wolltest du nicht! M: Geht so. Ist wahrscheinlich bloß Gerümpel drin. T: Oder eine Leiche. M: Pfff. Solln wir
WeiterlesenAnverwandlung
Sonntag, im Zug. Nochmal also zu Leila Slimanis Roman Alles das zu verlieren: Zu vermuten ist doch, dass die Autorin sich explizit in die Tradition Flauberts stellt – zu auffällig sind die inhaltlichen Parallelen – und damit kann ich mich von dem Buch leider nur verabschieden. Gegen Madame Bovary wirkt Alles das zu verlieren wie der – ziemlich kunstlose – Holzschnitt nach der Vorlage eines eminent kunstvollen Ölgemäldes der Meisterklasse.Ist auf der inhaltlichen Ebene die Protagonistin psychologisch kaum nachvollziehbar, so eiern auf der erzähltechnischen Ebene nicht nur die Vergangenheits-Tempi wild durcheinander, dass du beim Lesen besoffen zu werden glaubst, sondern
WeiterlesenSarah-Lee Heinrich
Samstag, B.N. Eine wie Überraschungsgast Sarah-Lee Heinrich lässt Altbundespräsident Joachim Gauck im Nachtcafé ganz schön alt aussehen. Zu „Würde, Wut und Toleranz“ hat die 18-jährige Abiturientin aus Unna viel zu sagen – als Tochter einer Hartz IV-Empfängerin mit Migrationshintergrund kann sie sich auf ihre eigenen Erfahrungen berufen. Heinrich ist Sprecherin der Grünen Jugend in Unna, Feministin und Antifaschistin, außerdem engagiert sie sich in der Black lives matter-Bewegung. Klingt vielversprechend. Heinrich ist Stipendiatin des Schülerstipendienprogramms „RuhrTalente“.
WeiterlesenAb-Gründe
Donnerstag, B .N. Seit ich in Köln war, sind Ladekabel und Netzteil verschwunden. Zwar kann ich mich genau daran erinnern, das Handy in die Handtasche gesteckt zu haben, wo es auch schon die ganze Nacht über gesteckt hat – am Stromnetz angeschlossen, wie ich das immer mache, um es beim Verlassen des Hauses nicht zu vergessen. Nicht erinnern kann ich mich jedoch, dass ich es ausgesteckt habe. Genauso wenig, wie ich mich an die Bewegung oder die gedankenlose Aktion oder den Umstand zu erinnern vermag, die dazu geführt haben, dass das Kabel samt Adapter herausgefallen, irgendwo liegengeblieben, verloren gegangen ist.
WeiterlesenNato-Grüne
Sonntag, Tübingen. Dass die ursprüngliche Friedenspartei der Grünen eine atlantische NATO-Partei geworden ist, stellt Cem Özdemir mit einem geradezu ikonischen Foto dar: Da posiert er, zusammen mit dem sicherheitspolitischen Sprecher der Grünen, Tobias Lindner, in Oberleutnant-Unform, um sich für die Sache der Aufrüstung stark zu machen. Das Foto gefällt Özedmir dermaßen gut, dass er es am 14. Juni auf Twitter veröffentlicht.2001 war er wegen eines Bonusmeilen-Skandälchens und wegen eines Steuerhinterziehungs-Skandals als innenpolitischer Sprecher im Bundestag zurückgetreten und für drei Jahre von der bundesdeutschen Bildfläche verschwunden. Wohin? Als Transatlantik-Fellow des German Marshall Fund in die USA. Dort müssen sie ihn irgendwie umgedreht und
WeiterlesenIl Centro
Freitag, Italien. Klar, dass die vom Hotel nichts wissen. Zum Glück finden wir es dann doch noch: Il centro – die Straße immer weiter hinauf und von unten nicht zu erkennen, liegt das kleine Städtchen Portese in der Hügellandschaft der Valtenesi. Mit einem Laden, nach dem wir an der Rezeption gefragt hatten („Nein, gibt es hier nicht!“) und in dem wir uns erstmal mit Getränken aller Art eindecken. Mit der verblüffend großen, wunderschönen Chiesa Parrocchiale di Portese aus dem 16. Jh. Mit einem verfallenen Kastell, in dem am Abend ein Dorffest stattzufinden scheint. Mit verwinkelten Gassen, uralten Treppen, Holztoren und
WeiterlesenMorgens am See
Mittwoch, Italien. „Ich fühle mich wie im FDGB-Heim“, – PM war nie in einem FDGB-Heim – „hier fehlt das kleine Städtchen, das Postamt, ich bin in einem Käfig! Abgezäunt, geregelt, für alles muss ich eine Karte irgendwo reinstecken, und wenn ich diese abgefressenen Tabletts sehe…“Mit unseren Freunden J. und A. sind wir in einer Hotelanlage, die, direkt am See gelegen, sehr angenehm ist. PM hat die Auswahl J. überlassen und jammert nun auf hohem Niveau und findet die eine oder andere Metapher für sein Elend. Dabei ist es die wirklich wohlverdiente, reinste Erholung: Wasser, Berge, pittoreske Ortschaften in kurzer Entfernung,
WeiterlesenIch kann mich nicht selbst wehren und zähle auf dich
In der ersten Erklärung, die seit seiner Festnahme an die Öffentlichkeit gelangt ist, schildert der Gründer und Herausgeber von WikiLeaks, Julian Assange, die repressiven Haftbedingungen im Belmarsh-Gefängnis und ruft zu einer Kampagne gegen seine drohende Auslieferung an die USA auf. „Ich kann mich nicht selbst wehren und zähle auf dich und andere Menschen mit gutem Charakter, um mein Leben zu retten“, schreibt Assange, und schließt mit den Worten. „Letztendlich haben wir nichts als die Wahrheit.“ Julian Assange Assange äußert sich in einem Brief an den unabhängigen britischen Journalisten Gordon Dimmack. Nachdem das US-Justizministerium am vergangenen Donnerstag angekündigt hatte, im Rahmen des
WeiterlesenHeimat VII
Freitag. Nach dem „Amt“ ins Ranitzky geflitzt, wo schon Herr Brüne wartet. Er ist vom Hellweger Anzeiger, besucht Freunde in Tübingen und verbindet seinem Kurztripp mit einem Interview mit mir. Es ist Markt, die Sonne brennt, der Fleischereiwagen parkt schon aus, Tische werden beiseite gerückt, mein Cappuccino kommt. Wir verstehen uns auf Anhieb, finden biographische Parallelen, Herr Brüne hat Lass uns über den Tod reden gelesen und faselt nicht ins Leere, sondern stellt konkrete Fragen. Auf die er zurückkommt, wenn ich abschweife, er will es wissen. Nicht will er mich reinlegen, bloßstellen, einen Tagesgag erzielen, wie man es von den
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