Babylonisches Sprachengewirr

Wenn man mit T. essen geht, kommt manchmal eine mit, von der ich den Status immer noch nicht kenne. Sind die jetzt zusammen oder nicht? (Hat T. sich von der schweren Geschichte mit J. erholt? Ich weiß jedenfalls, dass J. als geheilt gilt und sozusagen in den Schoß ihrer Familie zurückgekehrt ist.) Sie, also die, deren Status ich nicht kenne, ist Italienerin, hat eine Stimme wie Gianna Nannini und spricht nur Englisch. Super, mein neuer Mitbewohner Dario redet auch nur Englisch, und wenn dann PM dabei ist, so wie dieses Wochenende wieder, reden wir alle nur noch Englisch, zücken Handys

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Manche Dinge …*

Sonntag. Wenn sich ungefragt einer, oder kann auch eine sein, vor dir aufbaut und irgendwelchen Müll ablässt, und du musst jetzt irgendwas tun. Was sagen oder irgenwie gucken oder lachen. Lachen passt in den meisten Fällen, da gewinnst du Zeit und kannst noch überlegen. Oder ne Frage stellen, Fragen passen auch meistens. Ich frage dann, wie meinst du das?, obwohl es mich überhaupt nicht interessiert, wie einer seinen Müll meint, oder: Warum sagst du das? Die zweite Frage finde ich inzwischen richtig gut. Die Leute schauen dich an und wissen nichts zu erwidern. Die Leute wissen nämlich nicht, warum sie

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Schlafen im Theater

Sonntag. Die Ehe der Maria Braun im LTT beginnt mit einem tollen Bühnenbild: Schwarz-weiß-Aufnahmen von einer Hochzeit in der Stiftskirche im Stil der Vierziger flimmern über die Leinwand, bis diese plötzlich unter Kanonendonnergetöse in sich zusammenfällt: Nachkriegstrümmersteine, die während des ganzen Stücks auf der Bühne liegen bleiben und, unterschiedlich zusammengesetzt, mal eine Wohnung, mal ein Büro, mal ein Gefängnis ergeben.Dann wird es langweilig, und die ermüdenden Dialoge werfen die Frage auf, ob die uralte Handlung-Zeit-Ort-Einheit nicht doch eine sinnvolle Dramenvorgabe gewesen ist. Ständig große Zeiträume von Wochen, Monaten, gar Jahren durch Dialog zu überspringen, geht auf Kosten des Tiefgangs desselben.

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Ein Juso denkt sozialistisch

Donnerstag. Ein bayrischer Rentner hat Käse für 4,55 € geklaut. Der 87-Jährige wurde erwischt, heute erhält er sein Urteil: drei Monate auf Bewährung. Der Mann lebt von 200 € im Monat, er habe Hunger gehabt, sagt er.Was sind wir für ein beschissenes Land geworden. Der bayrische „Mundräuber“ gehört zu den drei Millionen Rentner*innen in Deutschland, die als armuts“-gefährdet“ gelten, Tendenz steigend. Die vielen Langzeitarbeitslosen und Menschen aus dem Niedriglohnsektor kommen allmählich ins Rentenalter und müssen gucken, wie sie zurecht kommen. Die Gefängnisse stellen sich darauf ein: neuerdings gibt es Seniorentrakte mit Rampen für Rollstühle und Rollatoren. Kevin Kühnerts kapitalismuskritischer Vorstoß

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Tag der Arbeit

Mittwoch. Der komplette Monat Mai ist dieses Jahr mal wieder der Megakorrektur fürs „Amt“ vorbehalten, einschließlich vier gesetzlich vorgegebener Korrekturtage, dergestalt, dass sich der Korrektor – ich – uneingeschränkt von morgens bis abends, nachts oder bis zum nächsten Morgen seiner Aufgabe widmen kann. Einschließlich leiser Grundsatzzweifel am System, am didaktischen Wert, am Ergebnis solcher Prüfungsmarathons (positives Gegenstück hierzu: meine Schreibwerkstatt mit von Zeit zu Zeit wahrhaft verblüffenden Ergebnissen). Einschließlich einer deprimierenden Grundstimmung, die im Zweijahresrhythmus den Wonnemonat Mai überschattet. Dahingehen immerhin 30 Tage meines Lebens … Heute, am 1. Mai, zieht mein neuer Mitbewohner ein – Dario, ein Naturwissenschaftler aus

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Der Fall Collini

Sonntag, B.N. Der Fall Collini ist ein Film, den man sich ansehen sollte, ohne vorher die Rezensionen zu lesen – was besonders für die maulige FAZ-Kritik gilt. Der Gewinn ist ein ergreifendes Kinoerlebnis, das nachhaltig wirkt und vielleicht sogar zu eigenen Recherchen anregt. Im Kino darf geweint werden – an dem Grad der Ergriffenheit des Publikums wurde bei den antiken Dichter- und Tragödienwettkämpfen zu Athen die Qualität eines Bühnenstückes gemessen, galt doch die seelische und moralische Reinigung als eigentlicher Sinn und Zweck der frühen Theaterkunst. Die Story selbst – nach dem gleichnamigen Buch von Ferdinand von Schirach – ist schon

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Aufgeklärt

Samstag, B.N. Die Beschäftigung mit dem Tod führt einen immer wieder und zwangsläufig auf das Thema Einsamkeit / Verlassenheit zurück.Und das ist auch gut so. Das Individuum, ich und jede*r andere, hat sich mit seiner Verlassenheit zu konfrontieren und auseinanderzusetzen.Denn: Es ist eine kulturelle Leistung unserer aufgeklärten Gesellschaft, die Autonomie des Individuums herzustellen. Das existentiell gesicherte Fundament ist das eines Selbstbezugs. Es ist dieser Selbstbezug, auf dem unsere Autonomie beruht und der seinem tiefsten Verständnis zufolge das Individuum zunächst vor jeglicher Familien- oder Gruppenhaftung, vor jeglicher Vereinnahmung durch Ideologien und Institutionen schützt und davon befreit insofern, als er ihm eine

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Familie

Freitag, B.N. Familienthemen sind nicht gerade das, was ich hier im Blog in den Vordergrund stelle, wie auch mein bürgerlicher Beruf und ein paar andere Lebensbereiche nur indirekt einfließen. Obwohl es Familie ist, was mir in erster Linie das Gefühl von Vollständigsein gibt: Ohne meine Kinder, ohne meine Lieblingsfamilie in Köln (aber auch ohne Jerome und Beret in Kiel) wäre ich ein halbes oder nicht einmal halbes Etwas und sehr unglücklich. Weshalb die beiden letzten Tage in Köln einfach nur glückliche Tage waren. Die ganze Arbeit, das ganze Streben täuschen doch nicht darüber hinweg, dass im weitesten Sinne alles um

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