Schuld und keine Sühne

Samstag. Was für eine mörderische Heuchelei … nicht, dass man mir Amerikafeindlichkeit vorwirft, aber wenn Trump jetzt wieder bei einem dieser (laut Betroffenen / Zeugen aus erster Hand auf den IS zurückgehenden, was jedoch niemand wahrhaben will, weil ja Assad Schuld sein soll) Giftgasangriffe in Syrien Menschlichkeit und Menschenrechte einfordert und ganz vergisst, dass es die Amis waren, die Tausende Tonnen Napalm auf Korea und Vietnam und auf Korea dann nochmal Tausende Tonnen Agent Orange abgeworfen haben – die Betroffenen schnitten sich, wenn sie noch konnten, eigenhändig ihre Gliedmaßen ab, um den höllischen Schmerzen zu entkommen – und wenn die

Weiterlesen

Ich muss, ich soll, ich darf …

Dienstag. Aktuelle Konfliktlage: Ein Geflecht aus Zwängen und Entscheidungen. Your Über-Ich is watching you … Löst Flashback bei mir aus: Zwanzig Jahre fatale Fehlurteile, fatale Fehlentwicklungen, sämtliche in der Überzeugung, das Richtige und Gute zu tun: Immer wieder, und immer wieder sehenden Auges bzw. Augen zu und durch angesichts der sich abzeichnenden Widersprüche! Weil ich dachte, ich muss, ich muss, ich muss … Man ist nicht immer Herr in seinem eigenen Haus, höre ich Dr. K.’s Stimme. Gestern Nacht kam eine Dokumentation über die Ehe von Schah Reza Pahlavi mit seiner großen Liebe Soraya. Man weiß ja nie, warum man

Weiterlesen

Schuld

Montag, sehr früh morgens. Der Regen hat die Blüten von den Akazien gefegt. Zusammengeschoben liegen sie am Boden wie ein alter, durchgetretener Teppich und duften mit letzter Intensität ihren süßen, die Grenze zum Tödlichen überschreitenden Duft. Ein melancholisches WE liegt hinter mir. PM ist noch ganz gefangen vom Todesgeschehen seiner Mutter und den Was-wird-werden-wenn-Fragen, die eher seinen Vater betreffen. (Als wüssten es die Alten nicht selbst seit achtzig oder noch mehr Jahren, dass es zum Ende hin ans Sterben geht … gucken sie bei diesen Fragen in die Luft … Jahr um Jahr … hartnäckig hartohrig … irgendwann werden die Kinder

Weiterlesen

Klartext

Freitag, B.N. Eine junge Frau im Zug zu einem kleinen Teufelsbraten (Wanst, würde PM sagen), der das ganze Großraumabteil in Atem hält, aber keiner sagt was wg. kinderfeindlich und so: Ey, halt ma Fresse, du nervst! Kind erstarrt – und schweigt. Endlich.

Weiterlesen

Gibts nicht mehr

Donnerstag. „Kahn war der einzige Mensch …, der überhaupt mal von Godard oder Bardot gehört hatte. Die Quinosset High war nicht dafür bekannt, die Hochkultur zu pflegen. Da legte man Wert auf standardisierte Testvorbereitungen und Auskennerei im Web 2.0. Die postgeisteswissenschaftliche Ära: alles nur noch technisches Training und Multiple Choice. Sie fütterten uns mit gameshowartigen Portionen kontextunabhängigen Wissens, lehrten uns, mit unseren HB-Bleistiften die richtigen Kästchen anzukreuzen. Kein leidenschaftlicher und abgedrehter Englischlehrer mehr … “ (Club der toten Dichter, 1989, S.25) schreibt Adam Wilson in Flatscreen vom Metrolit-Verlag. Eine Zeitlang habe ich mir viele Bücher von Metrolit zugelegt & alle

Weiterlesen

WG-Leben

Dienstag. Meine neue WG lässt sich gut an. Seit Ye da ist, koche ich für uns alle, wir essen zusammen und quatschen viel, und jetzt muss ich aufpassen, dass das nicht zur Gewohnheit wird. Ye erzählt von China, von ihrer Stadt Schanghai, von der sie viel hält, sie hat uns Bilder mitgebracht und fühlt sich wohl hier. Wir alle fühlen uns wohl. T. zeigt ihr Tübingen, die Münzgasse, wo sie die nächsten drei Monate arbeiten wird, im ältesten Unigebäude Tübingens. Ye hat in München promoviert, das erklärt ihre farrrbehalfen Deutschkenntnisse. Sie sagt, die akademische Sprache an deutschen Fakultäten sei, im

Weiterlesen

Wann?

Ein Wochenende ohne PM. Letzte Woche ist seine Mutter gestorben, seine Mama. Da kann einer noch so lebenserfahren sein, der Tod deiner Eltern macht was mit dir und danach kannst du dich erstmal neu aufstellen. Du bist jetzt ein Anderer, das kostet ein paar Gedanken, das braucht Zeit. Die vielen Fahrten nach Eisenach, die organisatorischen Details, die Entscheidungen, was wird, was passiert … So viele Menschen, die ihn brauchen, die an ihm zerren, die ihn auffressen. Und bei mir ist es auch nicht viel anders. Wann kommen wir zu uns selbst?

Weiterlesen

Peaceful Sunday

Sonntag. Auf meiner Dachterrasse liegt es sich wie früher in den Sandburgen an der Nordsee. Hinter halb geschlossenen Lidern bewundere ich das Blau des Himmels, die winzigen Wölkchen, die Sonne, meine vielen Pflanzen, die frisch gewässert in ihren Kübeln stehen und ihre glitzernden, lila und pinkfarbenen Blütenköpfe im Wind hin- und herbewegen. Ich arbeite nicht. Ich liege einfach da und lasse mich von der Sonne umarmen. Ich lese Joey Goebels Freaks, ein Roman, der alles hinter sich lässt, was einen gerade so auf dem Buchmarkt zu Tode langweilt. Gott im Himmel!, Goebel schreibt anders – gossig, böse, sensibel, hochliterarisch, traurig.

Weiterlesen

Neue Situation

Freitag. Okay, also: Vor einer Woche ist T. hier eingezogen. Vorübergehend, um zum Arbeiten zu kommen, endlich. Krankenpflege und Arbeit – wohl schwer zu harmonisieren ohne Dauerschlechtesgewissen, ohne Vorwürfe, ohne Versagensängste (ist nur meine Phantasie, ich weiß zu wenig). Arbeit ist aber wichtig. Wer arbeitet, verdient das Geld für die (gemeinsame) Wohnung. Wer arbeitet, sichert sich seinen Platz im Leben. Die Krankheit wird sich noch Monate hinziehen, die familiäre Präsenz in der gemeinsamen Wohnung auch. Der Heilungsprozess entspricht bisher nicht den ärztlichen Erwartungen. T. pflegt J. mit ihren zwei schweren, nicht miteinander in Verbindung stehenden Krankheiten seit nunmehr einem Jahr

Weiterlesen

Die großartige Rede der Emma Gonzalez

 Emma Gonzalez ist eine der Überlebenden des Amoklaufs in Parkland. Ihre Rede beim March for our live, auf dem sich Hunderttausende Menschen mit den Opfern des Parkland-Shootings solidarisierten, wird in die Geschichte der USA eingehen: „Sechs Minuten und ungefähr zwanzig Sekunden. In etwas mehr als sechs Minuten wurden uns 17 Freunde genommen. 15 wurden verletzt. Und jeder, wirklich jeder aus unserer Schulgemeinschaft hat sich für immer verändert. Jeder, der dabei war, weiß was ich meine. Jeder, der von der kalten Waffengewalt betroffen war, weiß, was ich meine. Wir haben lange, tränenreiche, chaotische Stunden in der brütenden Nachmittagssonne verbracht, ohne zu wissen, was hier geschieht.

Weiterlesen