Donnerstag. Wer über Lockerungen der Corona-Maßnahmen nachdenkt, muss auch darüber nachdenken, wie viele Tote das kosten darf. (Prof. Lothar H. Wieler, Präsident Robert Koch-Institut). So einfach, so brutal ist die Rechnung. Man hat kein Ewigkeitsgefühl mehr. Das brauchst du aber, um kreativ zu sein. Sagt Susanne. Nichts macht mehr Spaß, sagt Tobi. Ich kenne da einen, der hat dein Buch fast auswendig gelernt. Er will von dir wissen, warum es ihn so bewegt. Seinen Namen sag ich dir noch nicht, er ist ein Hidden Champion unseres Landes. Vielleicht sogar einer für dein nächstes Projekt? Sagt Christiane. Wow! Da trifft man
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Corona Diary / Masken und Müll
Dienstag. Niemand da. Im leergefegten „Amt“ hallen meine Schritte nach. Saubere Gänge, saubere Toiletten, nur ein paar Leute vom Leitungsteam hocken vereinzelt in ihren Büros hinter weit geöffneten Türen. Alles anders als sonst. Wir schielen uns über unsere Atemschutzmasken an – Woher hast du die? Wow, die nähen welche? Hätte auch gern eine davon – und freuen uns. Ah, ein Mensch, was für ein schöner Anblick. Hallo!, wie geht’s? Toller Rock! Kommst du klar? Na ja, geht so. Meine Unsicherheit in Sachen Arbeiten in Coronazeiten – deswegen bin ich hier – wird mir ganz schnell genommen. Ich mache alles richtig.
WeiterlesenCorona Diary / Schule 2.0
Samstag. Dass die Nerven „etwas blank“ liegen, wie es kürzlich in einem internen amtlichen Schreiben zu lesen war, ist eine schwer verharmlosende Umschreibung des Zustandes, in dem sich fast alle Eltern von schulpflichtigen Kindern derzeit befinden. Tagsüber drucken sie an ihren Arbeitsplätzen in Kliniken und Geschäftsbüros die tägliche Flut von Arbeitsblättern für ihre überforderten Kids aus, mit denen sie abends am Esstisch zusammenhocken, um Mathe- und Geographieaufgaben zu lösen, englische Lückentexte zu füllen und Handyfotos für den Kunstunterricht zu produzieren.Überforderung auch auf der anderen Seite der Front, wo sich der eifrige Teil des Lehrpersonals angesichts der coronabedingten Leere im Gehirn
WeiterlesenCorona Diary / Zwickmühle
Freitag. In Brasilien ist die Zahl der täglichen Todesfälle durch das Coronavirus auf über 400 gestiegen. Jair Bolsonaro scheint das wenig zu beeindrucken. Der Präsident gehört zu den sog. Corona-Leugnern, wie immer das funktioniert, ein Virus zu leugnen. Anstatt Maßnahmen gegen dessen Ausbreitung zu ergreifen, hat Bolsonaro seinen Gesundheitsminister Luiz Mandetta entlassen. Dieser hatte sich für die soziale Isolation ausgesprochen, während der Präsident es nicht einsieht, die brasilianische Wirtschaft wegen eines “Grippchen[s]” zu schädigen. Angela Merkel hat laut Steingarts Morning Briefing vom 24.04.2020 in diesen dramatischen Tagen die politische Rationalität auf ihrer Seite: ”Riskiert sie zu früh eine Rückkehr in das
WeiterlesenCorona Diary / Agent Smith
Mittwoch, B.N. Nach 21 Jahren nochmal Matrix gesehen. Und ganz anders gesehen, seit ich mich in den letzten Monaten mit der schrägen/irren/destruktiven Ideologie der Transhumanisten (Transhumanistinnen gibt es meines Wissens nicht) auseinandergesetzt habe. Zitat: Agent Smith: Ich kam zu einer interessanten Entdeckung, seit ich in der Matrix bin. Es fiel mir auf, als ich versuchte, Eure Spezies zu klassifizieren. Ihr seid im eigentlichen Sinne keine richtigen Säugetiere. Jedwede Art von Säuger auf diesem Planeten entwickelt instinktiv ein natürliches Gleichgewicht mit ihrer Umgebung. Ihr Menschen aber tut dies nicht. Ihr zieht in ein bestimmtes Gebiet, und vermehrt Euch und vermehrt Euch, bis alle
WeiterlesenCorona Diary / Mini-Ausstieg aus Lockdown
Montag, B.N. Trump hat den Schuldigen ausgemacht: Hartnäckig spricht er vom Chinesenvirus. Er kolportiert das Gerücht, das Virus entspringe einem chinesischen Forschungslabor in der Nähe des Viehmarktes von Wuhan, der bisher als Ursprungsort von Covid-19 galt. Eine neue Variante der Kalten Krieges: Warum den seit Monaten schwelenden Handelskonflikt zwischen den beiden Supermächten China und USA nicht durch Virus-Fake-News befeuern? Heute waren die Geschäfte zum ersten Mal seit dem Lockdown wieder offen. Es dürfen immer nur zwei bis vier Leute rein, in manchen bekommt man am Eingang eine Maske überreicht. Alle Leute haben gute Laune, lächeln und blinzeln in die Sonne.
WeiterlesenCorona Diary / Privat
Freitag, B.N. Wenn jetzt irgendein Promi erzählt, dass er während der Coronakrise zugenommen habe, dann hört man sich das nicht an, weil dieser Typ einen großartig interessiert, sondern weil er sein privates Problem zu einem öffentlichen macht, indem er eine Sache thematisiert, die gerade viele angeht. Aus dem gleichen Grund guckt man zu, wenn eine Gesellschaftslady sich vor laufender Kamera in ihrem Badezimmer die Haare färbt. Niemand kommt gerade zum Friseur, und mal sehen, wie die den Farbpinsel ansetzt und ob die das besser draufhat als man selbst.Das Wort Privatfernsehen bekommt plötzlich eine neue Bedeutung. Auf fast allen Sendern wird
WeiterlesenCorona Diary / Perspektive
Freitag, B.N. Den Pitch bitte kürzen und den nächsten Abschnitt weglassen, sagt der Agent. Haben Sie das Exposé vor sich? Die Handlungsskizze ist okay, kann so bleiben, die Personenübersicht auch. Ich lösche die entsprechenden Zeilen und setze seine Anweisungen direkt um. Die Worte fliegen mir zu. Es prickelt in meinem Bauch. Es geht los. Der Agent hat es plötzlich eilig. Nächste Woche geht mein Roman auf die Reise…
WeiterlesenCorona Diary / Reproduktionsfaktor
Donnerstag, B.N. Meine Zuversicht, dass es am Montag wieder losgeht, kommt mir angesichts der Regierungsbeschlüsse von gestern fast schon absurd vor. Die von Merkel angekündigte Lockerung betrifft nur Geschäfte, und zwar nur die mit einer Ladenfläche unter 800 qm2. Alle anderen Einrichtungen unterliegen weiterhin dem Shutdown. In zwei Wochen dann der nächste Schritt: Ab dem 4. Mai dürfen Friseure wieder öffnen (hey!, am 6. Mai habe ich einen Termin, direkt noch vor der Krise ergattert). Und endlich auch die Schulen – irgendwie gestaffelt mit eigens angepassten Stunden- und Raumverteilungsplänen: 1,5 Meter Abstand gilt auch hier. Eine enorme Herausforderung für die
WeiterlesenCorona Diary / Fensterbesuch
Ostermontag, B.N. PM fährt mit mir nach Werne. Wir haben vorher Bescheid gegeben, damit meine Mutter ans Fenster geschoben wird. Zum Glück wohnt sie im Erdgeschoss. Ich habe eine Tasche voller Sachen mitgebracht in der Hoffnung, sie ihr durchs Fenster zustecken zu können. Geht aber nicht, weil es nur einen Spaltbreit gekippt ist. Nichts passt durch. Ich gebe die Tupperdosen – Spargelcremesuppe und Kartoffelsalat – und das übrige Zeug am Eingang ab. Dann versuchen wir es mit einer Unterhaltung – so ein mit Händen und Füßen untermaltes Gebrüll. Jeder auf dieser Seite des Hauses hört mit. Es gibt nur ein
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