Donnerstag. Irm Hermann ist gestorben, und auf SWR kam die Fassbinder-Doku von Annekatrin Hendel aus dem Jahr 2015 mit vielen Szenen aus seinen Filmen. So viele Erinnerungen! Am prägnantesten: Wie der nackte Fassbinder im Schneidersitz telefoniert und sich am Sack kratzt, während er über Mogadischu und Stammheim und den Tod oder die Ermordung der RAF-Terroristen redet. Wie ekelig, dachte ich damals, ich war viel zu jung und hatte den Zusammenhang zwischen der – in diesem Fall sehr unästhetischen – Nacktheit und dem Gespräch nicht verstanden. Die Hässlichkeit war die Hässlichkeit des Staates, der immer noch faschistische Züge trug – mit
WeiterlesenAutor: Juliane Vieregge
Morgens um sieben ist die Welt noch …
Samstag. Ich mag Virginie Despentes. Mit scharfen Schnitten zerlegt sie die Dinge in ihre Einzelteile. Da liegen sie dann vor einem, und ihre subtilen Zusammenhänge machen einen traurig und betroffen. Nie wütend, dazu ist Despentes‘ Haltung zu abgeklärt. Sie hat früher als Prostituierte gearbeitet, nicht aus Zwang, sondern um sich finanziell unabhängig zu machen in einer Gesellschaft, die auf weibliche Abhängigkeit angelegt ist. Daraus macht sie kein Geheimnis. Im Gegenteil, leben die sexuellen Passagen, wie auch ihre ganz frühen Romane, von dieser Erfahrung. Sie verurteilt nichts und niemanden: Selbst das größte Schwein ist ein armes Schwein – in Vernon Subutex
WeiterlesenCorona Diary / Bad Days
Donnerstag, Himmelfahrt. Am liebsten den ganzen Tag eingerollt irgendwo rumliegen und Löcher in die Luft starren. Irrelevante Filme schauen, ohne was mitzubekommen. Das große weiße Rauschen in mir und draußen sowieso. Die Coronakrise holt das Schlechteste aus mir heraus. Das nehme ich ihr übel. Ich habe eine Seite, von der ich bislang nichts wusste. Und die ich nicht mag. Fragt sich, was am Ende dabei rauskommt…
WeiterlesenCorona Diary / Einfache Lösungen
Donnerstag, B.N. Man lernt jeden Tag dazu. Ich auch. Hieß es anfangs, die Schutzmasken bringen nichts, ist inzwischen nachgewiesen, dass das Tragen von Masken das Infektionsrisiko deutlich minimiert. Hieß es anfangs, bei jungen, gesunden Leuten nehme die Viruserkrankung einen leichten Verlauf bis zur Symptomlosigkeit, sehen wir jetzt Bilder von schwerstkranken jungen Patienten ohne Vorerkrankung auf den Intensivstationen dahinsiechen. Das macht betroffen. Das Virus schlägt Haken, es treibt Virologen zur Weißglut, es verschlägt profilierungssüchtige Länderchefs auf unverantwortliche Individualwege, es ist nicht so, wie wir anfangs dachten. Das Wissen muss täglich neu justiert werden. Damit haben wir ein Problem, Menschen bevorzugen einfache,
WeiterlesenCorona Diary / Spielregeln
Sonntag, B.N. Vernon Subutex von Viginie Despentes ist erst nach 50 Seiten zu ertragen, bis dahin stolpert und holpert man durch das Elend der Vorgeschichte, und ab S. 50 ist es zwar auch ein Elend, aber eins der literarischen Meisterklasse: Der soziale und finanzielle Crash eines aus der Gesellschaft Gefallenen, der Unterschlupf sucht und dabei den am Rand des Abgrunds vor sich hin agierenden und palavernden Kaputtnicks einer moralisch verkommenen, verlogenen, zutiefst verunsicherten Gesellschaft begegnet. Beziehungsweise ihnen auf die Nerven fällt, das Leben geht weiter und die Spielregeln haben sich unwiderruflich geändert.Gestern in Eisenach gewesen. Den guten Beelitzer Spargel mitgebracht
WeiterlesenPeinliches Deutschland
Samstag, B.N. Manchmal ist es peinlich, Deutsche zu sein. Zum Beispiel jedes Jahr wieder am 8. Mai, dem „Tag der Befreiung“ oder „Tag der bedingungslosen Kapitulation der deutschen Wehrmacht“ oder „Tag der Beseitigung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ – der Tag hat bei uns nicht mal einen richtigen Namen. Und das, obwohl Richard von Weizsäcker schon 1985 dazu aufrief, ihn als „Tag der Befreiung“ in seiner historischen Bedeutung zu würdigen.Während Russland den 9. Mai als Tag des Sieges feiert und seinem diesjährigen 75. Geburtstag eine coronabedingte Luftparade widmet, um der Befreiung der Welt vom Nationalsozialismus ein Denkmal zu setzen, legt Kanzlerin Merkel
WeiterlesenCorona Diary / Das Virus und der Kampf-Jet
Sonntag. Während ein Virus namens COVID 19 gerade die ganze Welt in eine globale Interessen- bzw. Leidensgemeinschaft verwandelt, ordert Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer bei ihrem US-Amtskollegen Mark Esper 45 F-18-Jets des amerikanischen Herstellers Boing als Ersatz für die altersschwachen Tornado-Jets der Bundeswehr. Offensichtlich hat sie die Gunst der Stunde genutzt. Alle Welt starrt auf die Coronakrise, AKK schafft Tatsachen.Die US-Kampfbomber wären dann wie bisher die Tornado-Maschinen in der Lage, in Deutschland stationierte US-Nuklearwaffen zu tragen. Sie würden weiterhin – wie das im Fachbegriff heißt – die nukleare Teilhabe Deutschlands in der NATO gewährleisten. Konkret: Deutsche Pilotinnen und Piloten würden im Kriegsfall US-amerikanische
WeiterlesenCorona Diary / Rituale
Samstag. 1. Mai hieß für mich immer, man zieht jetzt bis zum 1. September keine Strümpfe mehr an, lackiert sich die Zehennägel im angesagten Rouge Noir von Chanel und holt die neu geshoppten Sandaletten aus dem Karton – zur Mai-Kundgebung auf dem Marktplatz, wo man sieht und gesehen wird. Das alles ist dieses Jahr ausgefallen. Keiner sieht keinen, und entsprechend sehen die Leute irgendwie nachlässig bis direkt verwahrlost aus. Die Friseure haben seit sechs Wochen geschlossen, daran hat man sich inzwischen gewöhnt. Der immer schnittig frisierte Boris Palmer hat seine Haare abrasiert und trägt seinen Stoppelschädel durch die Talkshows, bei
WeiterlesenCorona Diary / … erkämpft das Menschenrecht
Freitag. Trübsinnigster 1. Mai meines Lebens. Keine Kundgebung, kein Marktplatz, keine Internationale. Nur am Abend Spaziergang mit Mecki als Tages-Highlight. Mecki ist tierisch erbost über die staatlichen Corona-Vorgaben, respektive Kontaktsperre und Versammlungsverbot, die sie als Eingriff in ihre bürgerliche Freiheit empfindet und durch die sie ihre Menschenwürde aufs Spiel gesetzt sieht.Manchmal wäre sie froh, wenn sie sich infizieren würde, sagt sie. Dann könnte sie die Fesseln der behördlichen Maßnahmen endlich abwerfen. Sie mailt ununterbrochen Petitionen an Jens Spahn und Susanne Eisenmann. Sie beantragt die Öffnung aller Einrichtungen, insbesondere des „Amtes“. Aber auch noch vieles mehr. Kurzum: Sie beantragt die Wiederbelebung
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